English for Everybody

Welche Zweitsprache sollen die Deutschschweizer, die Romands und die Tessiner in der Schule lernen? Das Drama eines sprachbegabten Landes.

Fast schon periodisch fegt eine linguistische Diskussion durch die bildungspolitisch interessierte Öffentlichkeit und lässt die Emotionen hochgehen. Die herkömmliche, fleissig bemühte Pflege der zweiten Landessprache in unseren Schulen sei wenig erfolgreich, nicht mehr zeitgemäss und durch das global gesehen nützlichere Studium des Englischen abzulösen, verkünden die einen – die anderen empfinden das als Angriff auf die Grundfesten unseres nationalen Selbstverständnisses.

Schweizer Sprachdebatten haben es in sich. Sie sind letztlich nicht zu vergleichen mit denen in anderen Ländern. Anderswo gibt es Konflikte, wenn die Mehrheit versucht, den Minderheiten ihre Sprache aufzuzwingen. Davon ist hierzulande nicht die Rede; keine der grösseren Landessprachen bedroht die andere, zum einen, weil jede nur ein Randgebiet einer stabilen europäischen Grosssprache darstellt, anderseits und vor allem wegen der mangelhaften Identifikation der Mehrheit selbst mit ihrer Sprache.

Es gehört in der Deutschschweiz zum guten Ton, die Standardvariante des Deutschen als fremd zu empfinden, während zugleich das Idiom des vertrauten Umgangs, der Lokaldialekt, nach wie vor nur in beschränktem Gebrauch steht. Gewiss hat die Mundart, wo immer mündlich kommuniziert wird, längst den Sieg davongetragen, selbst in Radio und Fernsehen. Dennoch käme es keinem Obstbauern in den Sinn, die Rechnung für eine Lieferung Äpfel im Thurgauer Dialekt aufzusetzen. Auch die gegenwärtig neue Blüte der schweizerdeutschen Dialektliteratur ist bezeichnenderweise zunächst von der spoken word poetry ausgegangen.

Die Mehrheitssprache, also Deutsch, zur Verkehrssprache zwischen den Gruppen zu erheben, erscheint unter solchen Bedingungen undenkbar. Deshalb ist ein eigentümlicher Stellvertreterkrieg um die Frage entbrannt, welche Zweitsprache die Mehrheit zunächst und hauptsächlich lernen soll, um mit den anderen zu reden. Ein Detail der Fremdsprachendidaktik wird damit zu einer staatspolitischen Frage aufgeblasen. Kein Wunder also, widmen sich, wenn der Nationalfonds ein Forschungsprogramm über «Sprachenvielfalt und Sprachkompetenz in der Schweiz»* ausschreibt, rund doppelt so viele Einzelstudien rein schulischen Problemen wie den anderen, gewiss nicht weniger bedeutenden Schwerpunkten, die etwa «Sprache und Wirtschaft» oder «Sprache und Identität» heissen. Dass die Bedeutung des in der Schule Gelernten für das Leben überschätzt wird, ist freilich ein Kennzeichen fast aller bildungspolitischen Diskussionen.

Leider zeigt der Blick in ein paar der aus diesem Nationalfondsprogramm hervorgegangenen Studien rasch, wie sehr die Resultate der «Bildungsforschung» auch heute noch von den ideologischen Interessen der jeweiligen Forscher konditioniert werden. Den Standpunkt der Verfechter der Priorität des Englischunterrichts vertritt zum Beispiel die Studie «Der Einfluss des Englischen auf das Französisch lernen» (sic!). Sie versucht, durch Erhebungen in Schulklassen nachzuweisen, dass Primarschüler mit Frühenglisch das Französische später besser lernen, ja dass überhaupt zwei Fremdsprachen auf der Unterstufe den Kindern den Spracherwerb erleichtern. Erst in den Fussnoten wird offenbar, wie sehr dieses Ergebnis durch geschickte Auswahl der zugrunde liegenden Stichprobe gesteuert wird. Die beobachteten Schulklassen stammen aus Obwalden, Zug und Schwyz, ländlichen Niedrigsteuerkantonen, wo Schweizer Oberschichtkinder die Mehrheit bilden, während der Ausländeranteil verschwindend gering bleibt: bloss 44 von 644 Kindern sind nicht deutscher Muttersprache, rund 7 Prozent.

Von solch idyllischen Verhältnissen kann man bereits in Schulhäusern einer mittelgrossen Schweizer Stadt meist nur noch träumen. Vergeblich sucht man in dieser Studie den Erfahrungsbericht eines Primarlehrers, der in Aussersihl eine Klasse unterrichtet, die zu mehr als drei Vierteln aus kleinen Brasilianern, Tamilen und Serben besteht, die zu Hause weder Deutsch noch Stillsitzen gelernt haben, und der diesen nun Frühenglisch und Frühfranzösisch beibringen sollte.

In die Gegenrichtung zielt das Forschungsprojekt «Mehrsprachigkeit, Identität und Sprachenlernen in Schweizer Schulgemeinden». Dessen Schlussbericht analysiert zunächst die Durchsetzung des «Frühenglischen» am Beispiel der Vorreiterkantone Appenzell Innerrhoden und Zürich. Von der Führung der Bildungsdepartemente sei, lesen wir hier, in der Öffentlichkeit ein «hegemonialer Diskurs» installiert worden, um die einer politischen Absicht entsprechende Reform durchzusetzen. Dass das Festlegen und Verfolgen politischer Zielsetzungen zu den Aufgaben gehört, für…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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