Energie: Höchste Zeit für mehr Markt!

Die heutige Energiepolitik verfolgt Ziele wie CO2-Reduktion und Versorgungssicherheit mit sehr ineffizienten Mitteln. Wie der Strommarkt wirklich organisiert werden müsste, damit Private ausreichendes Interesse an langfristigen Investitionen in die Energieinfrastruktur aufbringen.

 

Energie nimmt einen besonderen Platz in unserer Wirtschaftsordnung ein. Ihre Verfügbarkeit ist seit jeher ein zentraler Faktor für Wachstum und Wohlstand. Der amerikanische Anthropologe Leslie White reduzierte die Entwicklung der Menschheitsgeschichte in den 1940er Jahren gar auf die Kurzformel C = E * T: die gesellschaftlich-kulturelle Entwicklung C als Funktion des Pro-Kopf-Energieverbrauchs E und der Technikeffizienz T, mit der die Energie nutzbar gemacht wird. Das wirkt sehr vereinfachend, spiegelt aber den fundamentalen Zusammenhang zwischen Energie und wirtschaftlicher Tätigkeit, der in den beiden ersten Hauptsätzen der Thermodynamik begründet ist: Energieumwandlung bewegt die Welt. Man mag einwenden, dass sich seit den 1970er Jahren das Wirtschaftswachstum immer mehr vom Energieverbrauch gelöst habe. Das stimmt. Und das hängt im wesentlichen mit dem T in der Formel zusammen – die Effizienz hat enorme Fortschritte gemacht, nicht zuletzt wegen der Elektrifizierung. Elektrizität gilt aufgrund der effizienten Energieumwandlung als jene Energieform mit der höchsten Qualität. Im Kontext klimapolitischer Anstrengungen wird sie weiter an Bedeutung gewinnen – und entsprechend auch die Finanzierung der dafür nötigen Infrastruktur.

Versorgungssicherheit? Kein Business-Case

Kein Wunder also, wenn neben Naturwissenschaftern, Anthropologen und natürlich Politikern auch Ökonomen sich für die Elektrizität interessieren. Mikroökonomen fasziniert zudem die Komplexität des Strommarktes: Das natürliche Monopol bei Übertragungs- und Verteilnetzen sowie externe Effekte und öffentliche Güter im Zusammenhang mit Schadstoffemissionen und Versorgungssicherheit machen Regulierungen nötig und das Funktionieren eines wettbewerblichen Marktes zur Herausforderung. Die vielenorts eingeleitete Energiewende illustriert diese Komplexität und die damit verbundenen Zielkonflikte deutlich: Jene Technologien, die bislang besonders zur Versorgungssicherheit beitrugen und gleichzeitig mit tiefen Kosten Strom produzierten – dazu gehören vor allem fossil-thermische Kraftwerke –, sind künftig kaum mehr mit nachhaltiger Klimapolitik vereinbar. Sie müssten den erneuerbaren Energien Platz machen, deren Produktion mit den Wetterverhältnissen variiert, die nur beschränkt zur sicheren Versorgung beitragen.

«Es reicht nicht, wenn der vorhandene Kraftwerkspark den mittleren Strombedarf befriedigt, vielmehr muss er auch selten auftretende Nachfragespitzen decken. Wer aber baut Kraftwerke, die nur während weniger Tage im Jahr betrieben werden können?»

Erschwerend kommt hinzu, dass die Versorgungssicherheit den Charakter eines öffentlichen Gutes hat: Den durch sie generierten Nutzen können die Kraftwerke, die sie gewährleisten, nicht monetarisieren, denn vom Stromkonsum kann im Zweifelsfall niemand ausgeschlossen werden. Weil Elektrizität (bislang) nicht im grossen Stil lagerfähig ist, müssen Angebot und Nachfrage im gesamten Stromnetz – und damit im gesamten Markt – jederzeit im Gleichgewicht sein. Es reicht daher nicht, wenn der vorhandene Kraftwerkspark den mittleren Strombedarf befriedigt, vielmehr muss er auch selten auftretende Nachfragespitzen decken. Wer aber baut Kraftwerke, die nur während weniger Tage im Jahr betrieben werden können? Auf spärlich auftretende Nachfrage- und Preisspitzen zu setzen, ist eine zu unsichere Strategie. Zudem würden die Strommarktpreise unter wettbewerblichen Bedingungen kaum je über die variablen Kosten dieser Spitzenlastkraftwerke – meist Gasturbinen- oder in geringerem Umfang Pumpspeicherkraftwerke – steigen, so dass sich deren Kapitalkosten nicht amortisieren lassen. Für private Investoren sind die Ertragsaussichten solcher Kraftwerke schlicht uninteressant – der eigentliche Nutzen fällt im Gesamtsystem als Versorgungssicherheit an. Ökonomen sprechen vom «Missing-Money-Problem» – dem fehlenden Geld für solche Investitionen. Das Phänomen existiert übrigens nicht erst seit der Energiewende, sondern theoretisch in jedem Strommarkt. Allerdings verschärft sich das Problem mit steigender Produktion subventionierter erneuerbarer Energie, da die steuerbaren Spitzenlastkraftwerke noch seltener produzieren – das heisst, sie dienen faktisch nur noch als Back-up bei tiefer Verfügbarkeit von Windkraft und Photovoltaik.

Ineffiziente politische Interventionen

Und als ob das nicht genug komplex wäre, greift auch noch die Politik ein und verzerrt den Markt mit Auflagen, Subventionen und Abgaben, die wenig mit den dargestellten Herausforderungen zu tun haben, womöglich gar in die Gegenrichtung wirken. Die Schweiz liefert besten Anschauungsunterricht. So werden etwa Wasserkraftanlagen mit einer besonderen Abgabe…

Als gäbe es kein Morgen
Die 1,1 Kilometer lange Europabrücke in Zürich wurde 1961/62 gebaut. Ihre Lebensdauer, wie die aller Brücken, beträgt 50 bis 100 Jahre. Laufende Investitionen können ihre Nutzung aber erheblich verlängern. Bild: Baugeschichtliches Archiv / Wolf-Bender Heinrich & Wolf-Benders Erben / CC BY-SA 4.0.
Als gäbe es kein Morgen

Trotz guter Konjunktur haben sich die meisten westlichen Länder in den letzten Jahren weiter verschuldet. Das ist gefährlich, denn mit den Schulden wird blosser Konsum finanziert – und nicht langfristige Infrastrukturprojekte.

Facts & Figures

Welche Nationen sind die grössten Schuldner? Was ist mit den Infrastrukturinvestitionen seit der Finanzkrise passiert und welche gefühlten Auswirkungen hatte das auf die Qualität der Infrastruktur? Und warum kostet in der Schweiz ein Meter Autobahn 78 000 Franken? Acht Abbildungen, die Antworten liefern.

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