Ene, mene, mei

Der Künstler Hans Danuser

Ene, mene, mei

Ene mene mink mank; nur wenig scheint einfacher zu sein, als zu sehen, man muss ja nur die Augen offen halten. Und auch nur wenig scheint einfacher zu sein, als zu photographieren, muss man doch nur auf den Auslöser einer Kamera drücken.

pink pank; als Hans Danuser vor fünfundzwanzig Jahren zu photographieren anfing, da wurde die Photographie für gewöhnlich nicht als Kunst, sondern als eine mechanische Fertigkeit verstanden. Bilder wurden als eindeutige Abbildung eines Ereignisses betrachtet. In den Familienalben fanden sich Szenen der Feste und des Urlaubs. In den Zeitschriften begleiteten Dokumentaraufnahmen die Reportagen. Hans Danusers Karriere begann, als er Orte aufsuchte, die Namen hatten, jedoch noch keine Bilder, da dort nur selten Menschen hinkamen: Raffinerien, in denen Goldbarren gegossen, Hallen der Gerichtsmedizin, in denen Körperinneres nach aussen gekehrt, Forschungslabors, in denen Föten in Metallwannen aufbewahrt wurden. Er folgte seinem Ent­deckerimpuls, fühlte sich wie ein Botaniker, der in fremden Ländern bisher unbekannte Pflanzen einsammelt. Für seine ersten Ausstellungen und Publikationen wurde er mit vielen Preisen bedacht.

ene mene acke backe; mit der Zeit war der Reiz des Neuen dahin, und Hans Danuser begann, sich auf den Untergrund als die allen zugängliche Bühne zu konzentrieren, auf das, was jeder begehen und sehen kann: Steinboden, Schieferboden, Eisboden – Boden, wie er sich auf öffentlichen Plätzen, in den Bergen, in der Eiswüste findet. Auf den ersten Blick ein statisches Sujet, eintönig, einfarbige Flächen. Auf den zweiten Blick – den, der sich Zeit lässt, und Hans Danuser nimmt sich die Zeit dafür – ein Sujet, das sich immerwährend verändert, das abschilfert, abfasert, erodiert, schmilzt, sich auflöst. So entstanden grossformatige Bildserien, steingrau, schiefergrau, eisgrau. Auf den ersten Blick gleicht ein Bild dem anderen. Auf den zweiten Blick – ja, auch der Betrachter von Hans Danusers Bildern muss ihn wagen und sich dafür Zeit nehmen – ist jedes anders, und das die Unterschiede nivellierende Grau wird zu einem die Unterschiede betonenden Spiel zwischen Hell und Dunkel.

eia peia weg; «ich betrachte, was ich sehe», sagt der Photograph. Womit klar wird, dass er auf seinen Photographien nicht abbildet, was ist, sondern was er sieht. Und dass er das Gesehene auch uns zur Betrachtung überlässt, wodurch wir die Chance bekommen, ebenfalls zu sehen, was er gesehen hat. Doch was ist? Weiss ich es, wenn ich selbst draufschaue, auf den Goldbarren, die Leiche, den Fötus, auf Stein, Schiefer und Eis? Dann sehe ich, was ich sehe. Sehe ich, was Hans Danuser sieht? Ein Test mit der Kamera würde wohl sicher eine andere Photographie zum Vorschein bringen. Woraus folgt: «das, was ist» birgt in sich viele Abbildungen, sowohl auf der Netzhaut wie auf dem Film. Doch welche gilt? Ist diese oder ist jene vorzuziehen?

In einer Ausstellung des Kunsthauses Zürich liess Hans Danuser an die Wände zwischen den Bilderserien Auszählreime sprühen: Ene mene mink mank, pink pank, ene mene acke backe, eia peia weg.

Reihum könnte so abgezählt werden, und nur eines der Bilder bliebe übrig. Und dieses gilt? «Zufällig» (jedenfalls wenn man vorher die Silben nicht nachgerechnet hat – und wer will schon gerne Spielverderber sein?), aber auch «eindeutig und unverrückbar» sei die Auswahl durch den Auszählreim, sagt Hans Danuser.

Viele seiner Projekte entstehen im intensiven Diskurs mit der Forschung an den Universitäten. Anatomen, Chirurgen und Neurologen sind neugierig auf seinen Blick und der Künstler ist oft in ihren Labors. Nie zuvor konnte die Wissenschaft jedes Detail des Körpers so deutlich abbilden wie heutzutage. Und «nie zuvor», so Hans Danuser, «beschäftigte man sich so stark mit dem, was die Abbildungen zeigen». Die Naturwissenschafter studieren die Photographien des Künstlers, legten sie neben die anatomischen Atlanten. Was ist? Was gilt?…

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