Endspiel

«Ziehen» steht auf der Scheisstür – und trotzdem drückt er jedes Mal. Wenn man irgendwo hineinwill, dann drückt man. Die Aufforderung zu ziehen erscheint ihm nicht nur unsinnig, sondern geradezu feindselig. Was aber, wenn man drinsteht und wieder rauswill? Julian ist früh dran, obwohl er immer zu spät ist. Dabei mag er das Eclissi überhaupt […]

Endspiel
Simon M. Ingold, photographiert von Thomas Burla.

«Ziehen» steht auf der Scheisstür – und trotzdem drückt er jedes Mal. Wenn man irgendwo hineinwill, dann drückt man. Die Aufforderung zu ziehen erscheint ihm nicht nur unsinnig, sondern geradezu feindselig. Was aber, wenn man drinsteht und wieder rauswill?

Julian ist früh dran, obwohl er immer zu spät ist. Dabei mag er das Eclissi überhaupt nicht. Es ist einer jener Orte, die nur mit schlechten Erinnerungen behaftet sind. Wie der Granitbrunnen vor der Schule, an dem er sich bei einer Prügelei mit Goran einen Zahn ausgeschlagen hatte. Oder der Blumenladen, in dem er als 13jähriger in romantischer Verblendung eine Rose für sein erstes Date gekauft hatte, worauf ihn dieses zuerst mit Unverständnis und dann mit unverhohlenem Mitleid abstrafte. Oder die abschüssige Kurve oberhalb des Dorfs in den Bergen, an der ein fili­granes Holzkreuz steht, das seine Mutter jeweils pünktlich am 14. Oktober durch ein identisches neues ersetzen lässt. Mahnmale der Niederlage.

Die aufgezogene Tür schlägt hinter ihm zu. Julian richtet reflexartig seine Seidenkrawatte. Der Duft von Amouage und Haarspray kriecht ihm in die Nase. Links sitzen drei ältere Blondinen auf Barhockern und prosten sich mit Champagner auf die letzte erfolgreiche Scheidung zu. Julian lässt die Hände in die Hosentaschen gleiten, klimpert mit dem darin befindlichen Kleingeld und schaut um sich. Hinter dem Tresen erkennt er Norman, den Geschäftsführer des Eclissi. Sie nicken einander zu. Aufgrund seiner bulligen Statur schätzt Julian Norman in sexuellen Dingen als verdorben, wenn nicht pervers ein. Seine hohe Stimme und der tonisierte Teint seines ungewöhnlich kantigen, fast quadratischen Gesichts lassen Julian aber immer wieder an dieser These zweifeln. Es könnte auch sein, dass Norman ein Softie ist.

Julian entdeckt einen leeren Tisch in der hintersten Ecke des Lokals. Er klaubt den Blackberry aus der Seitentasche seines Jacketts, blickt stirnrunzelnd auf den Bildschirm und führt das Gerät ans Ohr. «Ich bin’s. Du hast angerufen, was gibt’s?» Julian steuert auf den leeren Tisch zu, vorbei an den drei Blondinen und dem gedrängten Tresen, der mit Espressotassen und halbleeren Gläsern Pinot Grigio vollgestellt ist. «Nein, nein, vergiss das, die andere Sache hat klar Priorität, bis heute abend brauchen wir einen ersten Entwurf und das weisst du.» Das Telefon zwischen Schulter und Wange eingeklemmt, lässt sich Julian auf die weisse Ledersitzbank fallen. «Okay, tu das, wir sprechen nachher nochmals.» Er löst den Blackberry aus seiner intimen Position und lässt ihn auf den runden Bartisch plumpsen. Auflegen muss er nicht, denn am anderen Ende ist niemand. Von allen Überlebenstaktiken, die er sich über die Jahre angeeignet hat, ist das fiktive Telefongespräch jene, die er am weitesten perfektionieren konnte. Vielfach bewährt, hat sie sich als die polyvalenteste erwiesen, weshalb er sie unwillkürlich auch in Situationen einsetzt, die diese Art der Täuschung nicht erfordern. Denn abgesehen vom praktischen Nutzen, ihn elegant aus Meetings oder unangenehmen gesellschaftlichen Konstellationen zu befreien, ist das fiktive Telefongespräch die einzig verbliebene sozial akzeptierte Form des öffentlich geführten Monologs. Menschen, die mit sich selbst sprechen, haben in dieser Stadt nichts zu lachen. Abgehalftert, lebensmüde oder beides stehen sie in der zivilisatorischen Hackordnung ganz weit unten. Im besten Fall werden sie gemieden und mit Nichtbeachtung gestraft. Im schlechtesten kommt die Sittenpolizei.

Aber ein imaginäres Zwiegespräch zu beginnen, mit seinen unzähligen möglichen Wendungen und Konsequenzen, empfindet Julian als reizvolle intellektuelle Herausforderung. Und als Genugtuung, wenn er das Gespräch in eine unerwartete, überraschende Richtung lenkt und dadurch die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich zieht. Die Fähigkeit zur spontanen Dramaturgie, der Wille zum erratischen Verhalten sind essentiell und machen die Show erst glaubwürdig. Der eigentliche Höhepunkt besteht für Julian aber darin, mit einer anwesenden Person oder Gruppe eine pantomimenhafte Beziehung aufzubauen. Zum Beispiel indem er während eines fiktiven Telefongesprächs entnervt die Augen rollt, um dann entschuldigend mit den Schultern zu zucken und schliesslich mit einer aufgesetzt clownesken Grimasse im Rückwärtsgang den Raum zu verlassen. So hatte er sich schon öfters von Partys abgesetzt. Wegen der Qualität seines Auftritts war ihm nie jemand auf die Schliche gekommen. Ausser Erin natürlich. Verdammt, Erin hatte das Theater mitgespielt, bevor sie überhaupt wusste, wie er hiess.

Julian bestellt eine Cola Light mit Eis und Zitrone. Die Bedienung entspricht Normans Beuteschema: um die zwanzig, brünett, Stupsnäschen, ansonsten wenig inspirierend. Sie ist sorgfältig geschminkt und riecht gut. Ein jugendlicher, süsser Duft, aber das stört Julian nicht. Im Gegenteil, je blumiger und nuttiger das Parfum, desto besser. Als das Mädchen wiederkommt, um ihm seine Bestellung zu bringen, inhaliert er unauffällig das Gemisch aus ätherischen Ölen und Shampoo, das sie wie eine verzögerte Aura hinter sich her zieht. Sie trägt schlichten, aber eleganten Modeschmuck und eine Armkette von Tiffany’s. Im Eclissi arbeitet man nicht, weil man muss, sondern weil man nicht muss. Julian nimmt einen grossen Schluck Cola und lässt einen Eiswürfel mit in den Mund gleiten, den er mit einem gedämpften Knacken zerbeisst. Wie immer wollte Tito nicht herausrücken, worum es ging. Um einen Job, natürlich, aber nicht bei wem und in welcher Funktion. Julian geht diese Pseudovertraulichkeit gewaltig auf den Nerv. Headhunter hin oder her, er kennt Tito seit Jahren, er kennt den Markt und er weiss, dass es nichts zu holen gibt, zumindest im Moment. Gerade deshalb wird Tito, wenn er in zirka zehn Minuten im Eclissi erscheint, seinen Auftritt zelebrieren. Kaum hat er die Tür aufgezogen, wird er Julian sichten und ihm dies mit einem Wink an die Schläfe signalisieren. Dann wird er sein breitestes Grinsen aufsetzen und händeschüttelnd und schulterklopfend durch den Raum rotieren, wie eine Flipperkugel in Zeitlupe, die von einem Bumper zum nächsten katapultiert wird. Immer noch grinsend wird er sich schliesslich wortlos neben Julian auf die gepolsterte Sitzbank sacken lassen, die Beine übereinanderschlagen und ihm mit der Handfläche auf den Oberschenkel klopfen: «Na, mein Alter, was gibt’s Neues?» Das so eingeleitete Gespräch wird dem gleichen Drehbuch folgen wie das letzte und das vorletzte und jenes davor. Julian ist immer wieder erstaunt, wie das ohne sein aktives Zutun überhaupt möglich ist. Aber Tito hat – neben seiner unfehlbaren Wahrnehmung für die räumliche Präsenz von ihm nützlichen Personen – die Fähigkeit, Routine unwillkürlich auf andere zu übertragen. Julian ist wehrlos dagegen. Vielleicht ist er aber auch selbst zu geübt im Umgang mit der Vorhersehbarkeit, um nicht mitzumachen. Die gute Miene zum bösen Spiel, das Halten der Pose eines entspannten Gesichtsausdrucks unter enormer Anstrengung – oft ertappte er sich dabei, wie er es probte, auch wenn niemand in der Nähe war. Ein Zeichen von Selbstbeherrschung? Oder der endgültige Triumph des Selbstbetrugs?

Mit dem Cocktailstäbchen fischt Julian einen halbgeschmolzenen Eiswürfel aus dem Glas und zermahlt ihn mit den Backenzähnen. Er mag es, dass das Eis so schnell nachgibt, kaum Widerstand leistet, um seine kühlende Wirkung zu entfalten. Er schielt auf den Tisch. Der Blackberry blinkt unentwegt. Erin hasste das Gerät, es erinnerte sie an eine tickende Bombe, die jederzeit hochgehen konnte. Und sie nahm es ihm übel, dass er sie die Bombe nicht entschärfen liess. Julian sah das Gerät immer als das, was es ist, etwas Organisches. Ein lauerndes, einäugiges Tier, das ihn ständig anblinzelt. Ein Tier, das ihn wegen seiner Verkrüppelung mit exzessivem Aufmerksamkeitsbedürfnis terrorisiert, das begrapscht, gequetscht, angebrüllt und angespuckt werden will. Im Grunde wie Erin. Merkwürdig, dass ihm die Übereinstimmung nie aufgefallen war.

Der letzte Schluck Cola ist fade und wässrig. Die drei Blondinen haben mittlerweile eine Flasche Champagner bestellt. Wie sie so dasitzen, in ihren weissen Hosenanzügen, die gelifteten Wangen gerötet vom Alkohol, und vor sich hinschnattern, erinnern sie ihn an die weiblichen Charaktere aus «Dallas». Mit dem Unterschied, dass die Frauen aus «Dallas» nie die Fassung verloren. Bei diesen hier zeigen sich hingegen eindeutige Verfallserscheinungen. Die Augen geschwollen, das Dekolleté sonnengebräunt und leicht faltig, der Arsch vom Alter flachgesessen. Das reicht nicht für eine seifenopernreife Intrige. Plötzlich löst sich eine schlaksige Gestalt aus der Menge und drängt sich zögernd in Julians Blickfeld, ein sich ausdehnender Schatten auf der Pupille. Es muss Tito sein, aber Julian ignoriert ihn und fixiert den rosa BH-Träger, der von der Schulter der ihm abgewandten Blondine auf ihren Oberarm zu gleiten droht. Objektiv, von hinten betrachtet, könnte sie als deutlich jünger durchgehen.

«Julian?»

Die Gestalt lehnt sich zu ihm hinunter und berührt ihn am Oberarm. Julian dreht sich um und sieht ein rundes, kantenfreies Gesicht in panischer Erwartung einer Reaktion. Er räuspert sich.

«Hi! Long time no see, entschuldige, ich war in Gedanken. Alles klar bei dir?»

Das Gesicht nickt eifrig. Julian staunt, wie konturlos dieses Gesicht ist. Als ob jede charakterbedingte Unebenheit daraus wegradiert worden wäre.

«Ja, hervorragend, geht bestens. Es könnte etwas mehr los sein, aber ich will nicht klagen.» Es lächelt verzweifelt.

«Story of our lives.» Julian fällt nichts Besseres ein. Ihm fällt nicht mal der Name des Gesichts ein.

«Hast du mal Zeit für Lunch?» Die Unterlippe des Gesichts zittert.

«Können wir machen.» Julian nimmt den Blackberry vom Tisch und scrollt durch den Kalender. «Die Agenda ist ziemlich voll in nächster Zeit. Kommenden Monat vielleicht?»

Das Gesicht ist verunsichert. Nicht nur jetzt, grundsätzlich. Paralysiert von den Flutlichtern des Lebens, die ihm direkt in die Visage brennen – nicht seines eigenen erbärmlichen Lebens, sondern jenes all der anderen. Ein Etwas, das die eigenen Erwartungen nicht erfüllt hat, sie nie wird erfüllen können, und quälend daran zugrunde geht. Julian wird schlecht. Verlierer sind ansteckend, deshalb meidet er sie, grundsätzlich.

Wo, verdammt nochmal, bleibt Tito?

«Ich melde mich.» Er scheint einen beschwichtigenden Ton getroffen zu haben, denn das Gesicht richtet sich erleichtert auf, wie ein hydraulischer Kran, der eben eine schwere Last abgeladen hat.

Julian kann mit der Schwäche von anderen nicht umgehen. Das Fehlen von Souveränität, die Unachtsamkeit im eigenen Auftritt empfindet er als hochgradig entwürdigend. Nicht, dass er diese Schwächen bewusst suchen würde – im Gegenteil, er versucht sie, so gut es geht, zu übersehen, meist entgegen besserem Wissen und seinem untrüglichen Instinkt. Denn er weiss, dass die Entdeckung von Schwäche eine grosse Enttäuschung bei ihm auslöst. Er will das Gefühl von Respekt verspüren, sogar vor dem Gesicht, wenn’s unbedingt sein muss, aber der Respekt verpufft, sobald die Schwäche entblösst ist. Nur Erin hatte diesem Reflex immer widerstanden.

«Super, das geht dann auf mich, ich schulde dir ja noch was.» Das Gesicht zwinkert und streckt ihm eine schlaffe Hand entgegen. Julian nimmt sie und drückt sanft, dann fester. Sie fühlt sich an wie ein warmer Lappen, aber nicht unangenehm.

«Ich kann mich zwar nicht erinnern, aber da sag ich nicht nein.» Julian weiss wirklich nicht, von welchen Schulden das Gesicht spricht. Vermutlich ein aus dem Hut gezogenes Alibi, um ihn gefügig zu machen.

«Also, ich geh dann mal wieder rüber an die Bar. Lass mich wissen, wann du Zeit hast.» Die zerbissene Unterlippe zuckt immer noch.

«Absolut.»

Das Gesicht macht eine unterwürfige Bewegung, die man als Verneigung missverstehen könnte, und schlängelt sich zurück an den Tresen, wo es wieder seine Rolle als fünftes Rad am Wagen einer gemischten Gruppe von stumpfen Anzugträgern und unbeschwerten Teamassistentinnen einnimmt. Julian wirft einen Blick auf die Uhr. Tito hätte vor 20 Minuten da sein sollen. Alles im Rahmen des Gewohnten also.

Die rechte Seite des Raums ist von einer verspiegelten Glasfront begrenzt, das Innere des Lokals somit von aussen nicht einsehbar. Dafür sieht man als Gast nach draussen, was einen gewissen Unterhaltungswert hat, da das Eclissi direkt an der belebten Fussgängerzone liegt. Frauen, die sich mit geschürztem Mund die Lippen nachziehen, einander befummelnde Teenager im Hormonrausch, Obdachlose, mit der einen Hand in der Hose und der anderen am Bier, zitternde Kleinhunde mit Strasshalsband, Realitätskino halt. Julian erinnert sich an das staubige Panoramafenster im Haus seiner Grossmutter: genügsame Zimmerpflanzen, Gummibäume und Sukkulenten in Kupfertöpfen, eingetaucht in schräg einfallendes Abendlicht. Ein Stillleben des Spiessertums in verblichenem Cyan, Gelb und Magenta. Eine Erinnerung, so vergilbt wie ein altes Polaroidphoto. Aber irgendwie tröstlich. Ein Zimmerefeu an diesem Fenster würde nicht schaden, denkt Julian. Es gäbe dem Treiben draussen einen vegetativen Rahmen der Respektabilität.

Das Eclissi beginnt sich zu füllen, immer mehr Gäste treten ein, stellen sich auf die Zehenspitzen und spähen mit zusammengekniffenen Augen angestrengt nach bekannten Gesichtern, recken flehend die Hälse. Wenn sie endlich jemanden erkennen, ist ihnen die Erleichterung anzusehen. Das Stigma der Isolation ist abgewendet und weicht der wohligen Wärme der sozialen Zugehörigkeit, und sei sie noch so oberflächlich. Die Dallas House­wives sind mittlerweile bei der dritten Flasche Champagner angelangt. Sie tuscheln und lachen abwechselnd, ihre Köpfe zusammengesteckt, dann gleichzeitig nach hinten geworfen, und schütteln ihre blonden Mähnen. Julian hat mindestens ein Dutzend Leute gesehen, die er grüssen müsste, obwohl er dazu überhaupt nicht in der Verfassung ist. Er spürt, wie sich unter seinem Brustbein eine fiebrige Hitze aufstaut, die ihm langsam in den Hals kriecht und an die Schläfen pocht.

Während er mit der linken Hand den obersten Hemdknopf öffnet und die Krawatte lockert, wählt er Titos Nummer.

«Entschuldigung!» Er winkt hektisch die brünette Bedienung zu sich und bestellt einen Wodka Tonic. Klick.

«Tito Stern. Ich arbeite gerade hart für Ihre Interessen. Hinterlassen Sie Name und Nummer und ich rufe Sie innerhalb von 30 Minuten zurück.»

Die eine der drei Blondinen wirft Julian einen kokett fragenden Blick zu und lässt ein halogenweisses Lächeln aufblitzen.

«Tito, ich weiss nicht, wie du Interesse definierst, aber es ist nicht in meinem Interesse, 45 Minuten in diesem Saftladen zu sitzen und auf unseren kleinen Smalltalk zu warten. Du hast zehn, dann bin ich weg.»

Julian lässt sich ins Lederpolster zurücksinken. Plötzlich überfällt ihn eine grosse, bleierne Müdigkeit. Er realisiert, dass er seit Monaten, ja seit Jahren müde ist. Es ist keine physische Müdigkeit, hervorgerufen durch zu viel Arbeit, zu wenig Schlaf oder selbstverschuldete Tragödien. Es ist eine schwere, lähmende Müdigkeit, die das Denken und die Wahrnehmung vernebelt. Sie hat ihn passiv gemacht, abgestumpft. Wenn sie sich nicht heute zu erkennen gegeben hätte, er hätte sie vielleicht gar nie bemerkt.

Endlich bringt die Brünette den Wodka. Er zerdrückt die Zi­tronenscheibe, die zwischen Eiswürfeln im Glas schwimmt, und leert die Hälfte des Drinks in einem Zug. Am Fernseher, der von der Decke hängt, informiert Becky lautlos über einen bevorstehenden Börsengang. Becky mit dem gütigen, nonnenhaften Aprikosengesicht und dem leicht schläfrigen Blick. Julian schämt sich nicht dafür, dass er früher mehrfach versucht hat, sich zu ihrem Bild einen runterzuholen. Immerhin hatte er sie während seiner Zeit in New York an einer Party kennengelernt, an der sie sich als nett, übernatürlich appetitlich und immun gegen jegliche Art der Natürlichkeit erwies; zwanglos war sie nur im Umgang mit Wirtschaftstitanen und CEOs. Er schämt sich aber auch nicht dafür, dass er nie zu ihrem Bild gekommen ist. Wenn er sie heute, in diesem Augenblick, ansieht, wie sie ihm von New Jersey aus etwas über einen Börsengang weismachen will, der ihn seit Monaten beschäftigt, lässt sie ihn völlig kalt. Eine Menschmaschine Maria jenseits des Teichs, mehr nicht. Der rot-grüne Kursticker am unteren Bildschirmrand läuft ihr wie eine mit dem Lineal gezogene Ameisenstrasse über den Schoss. Julian überlegt, dass es ein schöner Effekt wäre, wenn der Ticker synchron zu Beckys Sprechkadenz und der Modulation ihrer Stimme als tanzende Sinuskurve dargestellt würde, die langsam ihren Torso umwickelt. Ein Kokon aus Zahlen und Operatoren.

Julian wendet sich ungerührt von Becky ab zum Nebentisch. Ihm ist nicht aufgefallen, dass bis vor kurzem jemand dort gesessen haben muss. Er hat keine Ahnung wer, wie lange und warum. Die Person könnte vor zwei Minuten gegangen sein oder vor zwei Stunden. Oder zwei Tagen, Wochen, Monaten. Das haben plötzlich zurückgelassene Orte so an sich: das qualmende Lagerfeuer auf der Lichtung, der Strand kurz vor dem Tsunami, der Esstisch im Wohnzimmer seiner Eltern, nachdem der Anruf von der Polizei gekommen ist. Der Effekt ist für den Beobachter derselbe. Spuren gewesener menschlicher Existenz ohne Anhaltspunkte ihrer zeitlichen Dimension sind immer befremdlich. Entweder weil man den unvermeidlichen Zerfall der Spuren nicht erträgt oder weil man sie nicht schnell genug beseitigen kann.

Auf dem Tisch steht ein Glas, daneben irgendein Heft, das die Person liegengelassen hat. Es ist ein kelchförmiges Glas, wie man es für Fruchtcocktails benutzt. Der Strohhalm leicht geknickt, mit Spuren von Lippenstift. Seine Schwester mochte solche Drinks. Mai Tai, Singapore Sling, Cape Codder. Und jetzt erinnert sich Julian an den Moment, in dem ihm zum letzten Mal etwas klar wurde. Klar im Sinne einer wesentlichen Erkenntnis, einer kognitiven und emotionalen Erleuchtung, deren Konsequenzen er aktiv registrierte und begriff. Er ist mit seiner Schwester im Chalet in den Bergen, wie jeden Oktober, seit sie sechzehn sind. Sie reden, trinken Shots, rauchen, spielen Scrabble und Backgammon, sehen sich YouTube Clips an, er flucht, sie lacht, er kneift sie, sie kichert, bewirft ihn mit Pistazien. Irgendwann macht sie sich auf ins Dorf, um Zigaretten zu holen, nicht ohne ihm durch den Türspalt ihr entwaffnendes Lächeln zu zeigen: «Lass mir auch noch was übrig und untersteh dich, einzuschlafen! Ich hab den ganzen Abend geredet und komme mir vor wie die grösste Klatschtante. Jetzt bist du dran mit Auspacken, ich bin in zwanzig Minuten zurück.»

Das dürfte schwierig werden, er ist angetrunken und hundemüde. Im Reiseetui findet er zerbröselte Überreste eines Antinarkoleptikums, die er mit einem Shot Wodka hinunterspült. Er legt sich zusammengekauert aufs Sofa und sieht mit fiebrigem Blick, wie die Glutklumpen im Kamin mit jedem Windstoss neue kaleidoskopische Muster formen, knistern und pulsieren, wie eine entzündete Lunge, die langsam in sich zusammensackt. Er nimmt dies in der Retrospektive sehr bewusst wahr, hochauflösend und mikroskopisch genau. Alles macht Sinn. Es muss in dem Moment passiert sein, als die Kohlen vollständig von einem flauschigen, mausgrauen Aschefilm überzogen waren, der jedes Glühen und jede Wärme irreversibel erstickte. Als in der Ferne gedämpft die Sirenen aufheulen, erstarrt alles, was mit IHR in Berührung war, augenblicklich zum Relikt. Die weissen Backgammon-Steine, der rote Lippenstift am Glasrand, die DNA ihres Speichels, dessen Spuren sich, tausendfach verdünnt, mit dem Bodensatz des Drinks vermischen.

Die zehn Minuten sind um. Julian nimmt das Heft, das auf dem Nebentisch liegt, und schlägt die erste Seite auf. Finderlohn, Doppelpunkt. Und dann, in schwungvoll verflochtenen Grossbuchstaben: ewige Dankbarkeit. Ein verlockendes Angebot, das er nur ungern in Anspruch nehmen würde. Er legt einen Fünfziger auf den Tisch, steht auf und drängt sich durch die Menge, vorbei an der Brünetten, vorbei an Norman hinterm Tresen, vorbei am Gesicht, bis zu den drei Blondinen beim Eingang. Er überlegt kurz, stösst die Tür auf und tritt hinaus auf den nassen Asphalt. Das Licht der Schaufenster und Reklametafeln ist grell und bricht sich in den Pfützen, die wie kleine Splitter eines Spiegels aufleuchten und die Schwärze des Asphalts perforieren. Julian blinzelt ins hohe Grau zwischen den aufgerissenen Wolken und setzt seine Brille auf. Er klappt den Mantelkragen hoch, streift seine Handschuhe über und geht mit schnellen Schritten geradeaus. Ewige Dankbarkeit, denkt er, wer hat die schon verdient.

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