Empathie und Eigennutz

Adam Smith ist die Ikone der Liberalen. Schade, dass ihn offenbar keiner gelesen hat.

Empathie und Eigennutz
Sichtbare Hand: Rick Kirbys «Cross the Divide» am Eingang des St. Thomas Hospitals in London. Bild: mauritius images / LatitudeStock / Alamy.

Klassiker sind Autoren, die gestorben, aber nicht tot sind. Ihre Erkenntnisse leben weiter. Deshalb muss und soll man sie auch nicht als die dahingegangenen Zeugen der Vergangenheit abtun; man kann und soll ihnen vielmehr als lebendigen Zeitgenossen begegnen, mit denen man debattieren kann, die einen anregen, gar irritieren mögen.

Adam Smith ist einer von diesen Klassikern. Gewiss: sein «Wealth of Nations» gehört zu den wichtigsten Büchern der Ökonomie, doch sein erstes grosses Werk «The Theory of Moral Sentiments» wird weniger häufig erwähnt; noch weniger wird es gelesen. Das ist bedauerlich, lassen sich doch in der Begegnung gerade mit diesem Buch einige jener Fragen erörtern, die im Zentrum der Auseinandersetzung um den liberalen Gesellschafts- und Wirtschaftsentwurf stehen.

Im folgenden geht es also nicht darum, einen jahrhundertealten Text religiös zu meditieren bzw. museal zu kuratieren. Vielmehr geht es darum, Adam Smith in die Gegenwart zu holen und in seiner Gesellschaft einiges von dem zu erörtern, was uns heute bewegt und bedrängt. Nämlich die eigene Identität und die Beziehung zwischen «uns» und den «anderen».

 


 

Zwei Fragen sind es, die gegenwärtig – mal implizit, mal explizit – neben anderen im Zentrum der Diskussion um die Zukunft des Liberalismus sind: Wie steht es um die Zwischenmenschlichkeit, die Mitmenschlichkeit, ja die Menschlichkeit schlechthin in einer freien Gesellschaft? Und: wie steht es um das personale Selbst des einzelnen in einer solchen Gesellschaft?

 


 

Auf den ersten Blick mag es scheinen, dass beide Fragen mit dem liberalen Ordnungsentwurf allenfalls am Rande etwas zu tun haben. Natürlich gibt eine liberale Ordnung dem einzelnen wohl über weite Strecken die Möglichkeit, «sein Ding zu machen», sie bringt ihn aber nur zu leicht dazu, den anderen und sich selbst auf eine Ressource oder ein Hindernis zu reduzieren und dabei zu vergessen, dass es sich um Mitmenschen handelt. Es fällt vielen Freiheitsfreunden nicht unbedingt leicht, in einer Arbeitskraft bzw. in einem Konkurrenten auch einen Menschen, einen Mitmenschen zu sehen.

Auch kann selbst jener, dem an der Liberalität etwas gelegen ist, nicht übersehen, dass in einer freiheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung der einzelne wohl danach streben kann, sein Glück zu finden, dass aber dabei durchaus auch die Gefahr besteht, dass er darüber sich selbst, sein Selbst verliert. Um dies zu sehen, muss man keineswegs ein Entfremdungsideologe sein; es genügt ein Blick in die vollen Wartezimmer von Psychotherapeuten.

Hier also zurück zu Smith: der Philosoph und Ökonom geht frohgemut davon aus, dass der Mensch von sich aus in der Lage und willens ist, sich in den Mitmenschen hineinzufühlen, also dessen Leid und dessen Glück empathisch mitzuempfinden.

Wohl spürt jener den Schmerz nicht, der zusieht, wie jemand anders sich mit dem Hammer auf die Finger haut; doch zuckt er zusammen, weil und wenn er sich vorstellen kann, was er selbst empfinden würde, wenn er sich verletzte. Und weil dem so ist, fühlt er mit dem anderen. Tut er das, so können wir festhalten: es ist nicht nur mit einer nüchtern-kalten Zwischenmenschlichkeit, wie sie auf dem Markt zwischen dem Bäcker und dem Kunden die Regel ist, zu rechnen, es ist dann auch eine herzerwärmende Mitmenschlichkeit möglich.

Und nicht nur dies: in dieser Situation wird auch verhindert, dass der eine das Mitgefühl des anderen ausnutzt; ein jeder wird nämlich sein Leid bzw. seine Freude nur so weit zur Schau stellen, sie anderen nur so weit zumuten, wie die Empathiefähigkeit der anderen nicht überfordert wird.

Adam Smith spricht in diesem Zusammenhang ausdrücklich schon von einer «unsichtbaren Hand», die sicherstellt, dass wohl jeder an der Freude und am Leid des anderen teilhat, dass aber auch jeder sein eigenes Leid und seine eigene Freude…