Emil Staiger – Der Erotiker der Literaturwissenschaften

Für Peter von Matt war sein Lehrer Emil Staiger der «bisher fulminanteste Erotiker der deutschen Literaturwissenschaft». Staiger und die Erotik – passt das zusammen? Seine Studenten erinnern sich, dass der Zürcher Germanist schon bei vorsichtigen sexuellen Deutungen von Goethe-Gedichten erstarren konnte. Im «Zürcher Literaturstreit» kritisierte er vehement Freizügigkeiten auf dem Theater und beklagte, dass die Dame der guten Gesellschaft hier «sexuellen Exzessen» applaudiere, «deren blosse Erwähnung sie sich in ihrem eigenen Haus verbitten würde».

Die Erklärung für von Matts ebenso überraschende wie treffende Charakterisierung seines Mentors ist einfach. Nicht das Erotische in jenem verkürzten Sinn, in dem es heute oft verstanden wird, war Staigers Sache. Bei ihm ging es um Erotik in einem viel umfassenderen Sinn. Er war bestimmt von der Begegnung mit dem Denken der alten Griechen, von Platon und Sophokles, Euripides und Aischylos, Bion und Sappho.

Am 8. Februar 1908 in Kreuzlingen im Thurgau geboren, musste Staiger schon in seinen Schülerjahren im Badischen Gymnasium in Konstanz, wie er sich später erinnerte, schwierigste Texte aus dem Griechischen und Lateinischen übersetzen. Dort ist seine Liebe zur Literatur entstanden. Folgerichtig studierte Staiger neben Neuerer deutscher Literaturwissenschaft auch Klassische Philologie in Genf, München und Zürich ­– und führte neben der Promotion in Germanistik 1932 und der Habilitation 1934 seine Übersetzungsarbeiten fort. Noch bei der Berufung auf den Zürcher Lehrstuhl seines Lehrers Ermatinger im Jahr 1943 wurden seine Übertragungen griechischer und lateinischer Autoren ausdrücklich gewürdigt. Auch bei seinen Studenten und Schülern legte Staiger stets grossen Wert auf die Kenntnis der alten Sprachen und Kulturen.

Staiger verstand das Erotische als die umfassende Beschäftigung mit dem Schönen im Sinne Platons, ausgehend von der Liebe zum Einzelnen aufsteigend bis zur Liebe zu den Ideen. Seine Beziehung zur Literatur war eine durch und durch erotische. In einem Aufsatz zu Christoph Martin Wielands Versdichtung «Musarion oder die Philosophie der Grazien» wird sein ästhetischer Zugang zur Literatur deutlich. Staiger verweist einleitend auf Goethes hohe Wertschätzung der «Musarion» und fügt hinzu: «Es fällt uns heute zunächst nicht leicht, das Lob zu unterschreiben, das er der harmlosen Verserzählung spendet. Nur innerhalb des ziemlich dürftigen Schrifttums jener Jahre scheint sie als kleine kühle Perle zu glänzen.» Aber schon beginnt das Erotikon der Poesie auf ihn zu wirken. Die «kleine kühle Perle» entfaltet ihre Reize: «Legen wir aber das Ding auf die Hand und wenden und drehen es aufmerksam, so zeigt sich, dass sein reizendes Licht auch in unseren Tagen nicht verblasst, ja, dass es – von den Doubletten, die wiederum nur Wieland lieferte, abgesehen – den Reiz einer Rarität besitzt und einen Geist besitzt, den wir

im Bereich der deutschen Sprache … öfter anzutreffen wünschten.» Aus diesem Ergriffensein durch poetische Texte entwickelte Staiger ein Programm der Literaturwissenschaft, das unter der Formel «Begreifen, was uns ergreift» Epoche gemacht hat. In seinem Buch «Die Kunst der Interpretation» von 1955 erläuterte er an Mörikes Gedicht «Auf eine Lampe» diesen spezifischen Zugang zur Interpretation:

«Wir lesen Verse; sie sprechen uns an. Der Wortlaut mag uns fasslich scheinen. Verstanden haben wir ihn noch nicht. Wir wissen noch kaum, was eigentlich dasteht und wie das Ganze zusammenhängt. Aber die Verse sprechen uns an; wir sind geneigt, sie wieder zu lesen, uns ihren Zauber, ihren dunkel gefühlten Gehalt zu eigen zu machen. … Zuerst verstehen wir eigentlich nicht. Wir sind nur berührt; aber diese Berührung entscheidet darüber, was uns der Dichter in Zukunft bedeuten soll. … Ich habe damit einen weiteren Grund für die Wahl von Mörikes Versen genannt. Ich liebe sie; sie sprechen mich an; und im Vertrauen auf diese Begegnung wage ich es, sie zu interpretieren.»

Staiger hatte ein eng umrissenes Verständnis von Literaturwissenschaft. In seinem…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»