Elternzeit statt Vaterschaftsurlaub

Mit dem Nein des Bundesrats zur Volksinitiative, die 20 Tage Vaterschaftsurlaub fordert, wurde mein altes Lieblingsthema kürzlich wieder auf die Frontseiten gespült. So sehr ich es begrüsse, wenn sich Väter familiär engagieren: auch für mich macht der geforderte Vaterschaftsurlaub wenig Sinn. Meine Argumente sind allerdings andere als die des Bundesrats, der sich hauptsächlich auf die Kosten beruft. Aus meiner Sicht ist ein staatlich finanzierter väterlicher Urlaub erst dann sinnvoll, wenn er genauso lange dauert wie jener der Mütter. Das gebietet nicht nur das verfassungsmässige Gleichheitsgebot, es ist auch aus Sicht der Chancengleichheit der Geschlechter die einzige Lösung, die nicht ein traditionelles Rollenbild nach der Geburt eines Kindes fördert. Solange die Politik die Rolle der Haushaltsführung und Kindererziehung derart einseitig den Müttern
zuweist, tragen nur junge Frauen das Risiko, am Arbeitsplatz auszufallen.

Das mag sich historisch begründet lange Zeit richtig angefühlt haben – doch heute ist das, gerade mit Blick auf die vielen gut ausgebildeten Mädchen, auch volkswirtschaftlicher Unsinn. Ihre berufliche Freiheit endet nicht selten mit der Geburt des ersten Kindes, weil im familienrechtlichen System der Schweiz die Schulen, Steuern und Sozialversicherungen darauf ausgerichtet sind, dass die Mutter zu Hause die Kinder betreut – und auf den Vätern die finanzielle Pflicht des Ernährers lastet. In einem Land, das der staatlichen Kinderbetreuung grundsätzlich kritisch gegenübersteht, finde ich es wichtig, dass auch die Väter ihren Teil zu Hause leisten können. Doch erst wenn der Staat Rahmenbedingungen schafft, die die individuellen Entscheidungen seiner Bürger nicht zugunsten eines traditionellen Familienbilds beeinflussen, gibt es echte Entscheidungsfreiheit. Erst wenn es gesellschaftlich als «normal» angesehen wird, dass auch Väter für ihre Kinder zuständig sein können, bleibt die Vereinbarkeit nicht mehr nur ein Frauenthema. Statt Vätern zu einer Papi-Zeit zu verhelfen, die sie dennoch in der Nebenrolle lässt, wünsche ich mir darum in der Schweiz den Mut, eine Elternzeit für beide zu lancieren.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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