Eloge auf die Nichtprovinz

Wer beim Stichwort «St. Gallen» lediglich «ewiggestrig» und «provinziell» denkt, ist selber ewiggestrig und provinziell. St. Gallen hat zum Beispiel eine lebendige Literaturszene, einer ihrer Verkehrsknotenpunkte war bis vor kurzem die Syrano-Bar, wo Florian Vetsch Schriftsteller aus aller Welt zum Stelldichein lud. Vetsch ist selber eine Art Relais, wo sich die verschiedensten Wege kreuzen. Das zeigt sich auch in seinem soeben erschienenen Lyrikband «43 neue Gedichte». Diverse Texte spielen auf seine zweite Heimat Marokko an («282», «Trek Sidi Masmoudi», «A une Femme de Fès»), andere auf New York («Fragiles Gleichgewicht» oder «Rosenblätter», in Erinnerung an den Dichter Ira Cohen); der legendäre Paul Bowles in Tanger, über den Vetsch oft geschrieben hat, wird gestreift («Ans andere Ende der Stadt»), dann geht’s übergangslos zur «Maturafeier» und zum «Konfirmationstag» in St. Gallen, und Ostschweizer Persönlichkeiten haben ihren Auftritt – der Verleger und Schriftsteller Werner Bucher, der Übersetzer und Dichter Felix Philipp Ingold, der Feuerschlucker Eco Fini, der Künstler Peter Z. Herzog und der Autor Christoph Keller (der allerdings am Ground Zero, wo er Schatten fotografiert).

Ein Gedicht mindestens widmet sich dem Übersetzen – «Wollust in die Maske eines andern einer andern zu schlüpfen / durch den Mund der Maske tönen / Steigeisen… Etwas bleibt immer & nimmer zurück… das Unmögliche wollen / die Haut des Anderen / seinen Puls…». Vetsch ist ein Übersetzer, im Wortsinn, aus dem Englischen und Französischen, aber auch im übertragenen Sinn – ein Vermittler, Lehrer, Kritiker, Herausgeber, Veranstalter, Verkuppler. Und er ist natürlich auch ein Liebender; einige Gedichte zeugen explizit davon («Die Liebste schläft», «Auf das Lächeln von Bouchra»), implizit eigentlich alle.

Typisch ist auch, in was für heterogenen Publikationen ein Teil der Gedichte bereits erschienen sind: Von der «Süddeutschen Zeitung» über die St. Galler Literaturzeitschrift «Noisma» bis zu Underground-Publikationen mit so schönen Titeln wie «Rude Look» oder «Der Sanitäter».

Vielleicht könnte man Vetsch mit Long John Silver vergleichen, dem legendären Piraten aus Stevensons «Schatzinsel», dem er ebenfalls ein Gedicht widmet, liebenswert, einnehmend, verführerisch, aber doch Freibeuter durch und durch; Widerläufiges in sich vereinigend, in irreführende Mäntel gehüllt. Ein Schmuggler, ein Trickster, ein Go-Between. Man sieht ihn, wie in der entsprechenden Eloge, «knietief im niedrigen weissen Nebel mit der Parlamentärsflagge auftauchen» (um sich wenig später mit 400 Guineen aus dem Staub zu machen). Die 43 Gedichte reizen, wie schon der Vorgängerband «Die Feuertränke» aus dem Jahr 2002, zum Immer-weiter-Lesen, Immer-anders-Lesen, Immer-weiterhinaus-Navigieren.

vorgestellt von David Signer, Zürich

Florian Vetsch: «43 neue Gedichte». Wien: Songdog, 2009

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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