Elite

Es vergeht kaum ein Tag, ohne dass sich irgendwer über «die Eliten» ereifert, im raunenden Plural. Wer auch immer damit mit «denen da oben» im Einzelfall gemeint ist, die Phalanx der negativen Konnotationen, die ihn treffen, ist stets dieselbe: Ignoranz, Arroganz, Abgehobenheit, Degenerierung, Klüngel, Verlogenheit. Man reibt sich die Augen: Galten Eliten nicht einmal als etwas Erstrebenswertes? Es ist Zeit für eine verbale Abrüstung.

Abgeleitet vom lateinischen Verb «eligere», auswählen, bezeichnet «die Elite» im gesellschaftlichen Kontext eine Personengruppe, die sich in bestimmter Hinsicht positiv vom Durchschnitt abhebt. Nach der Französischen Revolution betrachtete sich als der Elite zugehörig, wer anders als Adel und Klerus keiner Privilegien bedurfte, sondern aus eigenem Antrieb und Vermögen Leistung erbrachte. Alsbald wurde der Begriff normativ aufgeladen: Wer zur Elite zählen will, muss ein Vorbild an Unabhängigkeit, Können, Integrität und Moral sein. Diese meritorische Vorstellung liegt auch Wilhelm Röpkes erträumter «Nobilitas naturalis» zugrunde, «die die Spitze einer nach ihren Leistungen hierarchisch gegliederten Gesellschaftspyramide bildet und als solche bereitwillig und mit der ihr zukommenden Achtung anerkannt wird». Röpke sprach von «säkularen Heiligen».

Genau eine solche Überhöhung indes bringt den Elitebegriff leicht ins Kippen und droht ihn unsinnig zu machen. Es ist billig, jene zu Versagern zu erklären, die doch mit einem solch hehren Anspruch an eine «Nobilitas naturalis» zwangsläufig überfordert sind, und die «Elite» mit ihrem Gegenteil gleichzusetzen. Natürlich sind Politiker nicht automatisch unumstrittene Leistungsträger; wie auch, wenn schon über deren erhoffte Leistung unter den Bürgern kein Konsens bestehen kann? Aber ist es politisch ganz und gar nicht unschuldig, auf diese kollektiv herabsetzende Weise Ressentiments zu schüren, wie Richard Sulík und andere Rechtspopulisten es tun. Ihre Taktik kennt man bestens aus der linken Systemkritik. Konstruktiv geht anders.


Karen Horn
ist Dozentin für ökonomische Ideengeschichte, freie Autorin sowie Chefredaktorin und Mitherausgeberin der Zeitschrift «Perspektiven der Wirtschaftspolitik».

 

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