Elend der Kritik: Vom Krieg um Fakten zu Dingen von Belang

Zürich und Berlin: Diaphanes, 2007

Wie ist dem Revisionismus zu begegnen, der die offizielle Darstellung des Twin-Tower-Anschlags mit hanebüchenen Verschwörungstheorien untergräbt? Welcher Teufel hat die Vertreter des Intelligent Design geritten, die der Schöpfungsgeschichte denselben wissenschaftlichen Status einräumen wollen wie dem Darwinismus und der Urknalltheorie? Der französische Soziologe Bruno Latour zeigt sich in seinem neuen schmalen Band erschrocken über den Furor, mit dem erhärtete Fakten in Frage gestellt werden. Mit Besorgnis registriert er, dass diese Argumentarien Entstellungen der Waffen der Dekonstruktion und der Kritik sind. Dagegen opponiert er, den Krieg um die Tatsachen will er weiterführen. Doch sei die Zeit gekommen, das Arsenal der Kritik einer kritischen Prüfung zu unterziehen.

Eine neue Form des Empirismus ist gefragt, eine unbeirrte realistische Haltung, der es um matters of concern geht, um Dinge, die uns direkt betreffen, und nicht um matters of fact, angebliche Tatsachen. Die Bedingungen der Erkenntnis, die durch Immanuel Kant ins Zentrum gerückt sind, haben dazu geführt, dass oftmals unreflektiert blieb und bleibt, was Tatsachen sind – nämlich, so Latour, «bloss eine partielle, polemische und politische Wiedergabe der matters of concern, der Dinge, die uns angehen».

Barbarisch mutet es an, wie den Dingen durch kritische Instrumentarien zu Leibe gerückt wird. Entweder behandeln wir Objekte, wie etwa gesellschaftliche Entitäten, als Fetische, auf die wir unsere Wünsche und Vorstellungen projizieren. Oder dann als erwiesene Fakten, denen wir eine übergeordnete Geltung einräumen. Jeder nach seinem Gusto. Das Subjekt hinter diesen Sichtweisen erweist sich entweder, aus Sicht des Fetischismus, als allmächtig oder, aus Sicht des Positivismus, als ohnmächtig. Latour konstatiert: Es gibt in vielen von uns kein Widerspruchsempfinden gegenüber fetischistischen Positionen in Religion, Kunst oder Politik und gegenüber positivistischen Positionen angesichts etwa von Glaubenssätzen und Erkenntnissen der Naturwissenschaften.

Diese absurde, übersteigerte Polarisierung führt dazu, dass die Dinge, die uns am Herzen liegen, in einen Mahlstrom der stetigen Entwertung geraten. Angemessen wäre es, den Dingen weder einen zu geringen noch einen zu hohen Geltungsstatus einzuräumen. Denn sie sind nicht einfach so abzuurteilen und damit zu schubladisieren. Wer solches tut, verleugnet ihre Vieldeutigkeit und Vielfalt. Das, was uns angeht, ist so lebendig wie wir selbst. Die neue Form der Kritik, die Latour vorschwebt, verwahrt sich dagegen, zur Entlarvung der Dinge von Belang beizutragen. Sie will Sorge tragen zu den Dingen und sie pflegen. Bescheidenheit im Denken ist wieder eine Zier. Es ist Zeit, die Dinge zu versammeln, ihre Vielfalt aufzuzeigen und Räume für Sinn und Bedeutung zu eröffnen. Unsere kritischen Instrumente sind zwar scharf, doch dienen sie uns nicht mehr dazu, uns im Dialog auf gemeinsame Werte zu besinnen. In der Form eines erneuerten Empirismus gilt es wieder, zu wertorientierten Haltungen zu finden. Jeder ist aufgefordert, in der Rückbesinnung auf sich selbst seine unreflektierten antifetischistischen und positivistischen Positionen aufzuspüren.

besprochen von MICHAEL FLÜCKIGER, geboren 1973, Germanist und Manager bei der Schweizerischen Post.

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