Einwanderungspolitik: Strategien im Kampf um Talente

Die Schweiz muss jährlich rund 40.000 Ungeborene kompensieren. Sie ist dabei in guter Gesellschaft: Mittlerweile können sich 45 Staaten mit ihren tiefen Geburtenraten nicht mehr selbst erhalten. Sie alle suchen Köpfe, die jederzeit und selbständig ihre Qualifikation auf den neuesten Stand bringen können. Eine Obergrenze bei der Rekrutierung von Talenten ist dabei kein kluges Signal.

Einwanderungspolitik: Strategien im Kampf um Talente
Gunnar Heinsohn, photographiert von Philipp Baer.

Den entscheidenden Faktor für den Erfolg ihrer Firma können Unternehmer nicht von ihresgleichen beziehen, weil Arbeitskräfte nun mal nicht von der Zulieferindustrie kommen. Kompetente sind überall notorisch knapp, ihr Angebot kann man nicht einfach hochfahren. Dagegen sind unqualifizierte Menschen in immer grösseren Kontingenten verfügbar, obwohl sie niemand nachfragt. Gemäss Berechnungen von McKinsey können die OECD-Länder bis 2020 rund 35 Millionen ihrer Bürger nicht unterbringen, zugleich aber 18 Millionen Könner innerhalb der eigenen Grenzen nicht finden. Deshalb ist die Nervosität von Unternehmern verständlich, wenn sich an ihren Zugriffsmöglichkeiten auf Arbeitskräfte irgendetwas ändert – wie etwa durch das Schweizer Volksbegehren am 9. Februar 2014.

Wie schwierig sich die von ihnen kaum beeinflussbare Lage darstellt, zeigt sich auch daran, dass heute auf den Arbeitsmärkten sogar Leute scheitern, die bessere Zeugnisse als 1965 vorweisen können. Die Unternehmer sind auf besonders qualifizierte Arbeitskräfte angewiesen und können sie nicht finden. Während 1965 in der Produktion rund 70 Prozent der Arbeitenden leicht erlernbare Fähigkeiten verrichteten1, kommen in Zukunft nur noch 15 Prozent oder weniger damit durch.

Wer in PISA-Tests die Scheiternden ebenfalls unter 15 Prozent halten kann, muss sich deshalb um die Zukunft nicht sonderlich sorgen. Der global achte Rang der Schweiz von 2012 bei Matheversagern (12,4 Prozent mit ungenügend oder schlechter) wird nur von Ostasiaten sowie Finnen und Esten unterschritten – also übertroffen. Das beweist eine sehr wählerische Immigrationspolitik, denn die bis 1960 vermutlich gleichguten Deutschen schneiden mit 17,7 Prozent deutlich schlechter ab, ohne Zuwanderer mit 12,8 Prozent. Die Deutschen werden von ihren Immigranten also heruntergezogen, während die Eidgenossen nach oben kommen. Die USA erleben mit 26 Prozent ein Fiasko, das Obamas Erziehungsminister Arne Duncan im Januar 2014 nur noch als «niederschmetternd» beklagen konnte.

Für künftige Innovationen entscheidend sind aber die guten und sehr guten Schüler. Auch hier schafft die Schweiz mit 21,5 Prozent einen achtbaren 9. Platz (Deutschland: 17,5 Prozent; USA: 8,8 Prozent). Bei echter brainpower erringt die Schweiz sogar den 5. Rang (4,25 Prozent der Bevölkerung), den wiederum nur Ostasiaten übertreffen (Südkorea: 4,4 Prozent; Taiwan: 5,85 Prozent; Hongkong: 6 Prozent; Singapur: 9,1 Prozent). Deutlich dahinter sind wiederum Deutschland mit 2,6 Prozent und die USA mit 1,7 Prozent angesiedelt (alles 2013 ermittelt im Duke University Talent Identification Program).2

Eine Stadtrepublik muss nicht allzu sehr darauf achten, aus welcher kulturellen Umwelt ihre Könner kommen, weil es keine typischen Dörfer und Landschaftsbilder gibt, die man bewahren müsste. Bunte Vielfalt, die von unterschwelliger Gewalt frei ist und gescheiten Charme ausstrahlt, macht urbane Räume in jedem Falle schöner. Ähnlich ergeht es Metropolen in Riesenländern wie Kanada. Dort kann man unverfälschte Traditionen auf Millionen von Quadratkilometern bewundern, während sich gleichzeitig die sechs Millionen Menschen in Greater Toronto in 140 Muttersprachen verständigen, zur Hälfte im Ausland geboren sind und mit einem Durchschnittsalter von 37 Jahren die Gesamtnation (41) alt aussehen lassen.

Kein Fehler westlicher Kontingentpolitik wirkt im Rückblick gravierender als der Ausschluss von Menschen aus Ostasien. Das hat Kanada früh begriffen und Privilegien für die eigene ethnische Gruppe abgeschafft. Nachdem der Nationalismus als Standortnachteil erkannt ist, wird massiv umgesteuert. Wenn heute bereits 11 Prozent aller Einwohner Torontos Chinesen sind, dann liegt das am Vorrang von Können vor Herkunft.

Die Schweiz mit ihren 8,1 Millionen Einwohnern ist ein Hongkong (7,2 Millionen) oder ein Singapur (5,4 Millionen) mit Hinterland, dessen Bewahrer auch etwas für Zürich und Basel leisten. Doch aus der eigenen Vermehrung können alle drei nicht überleben. Der nicht geliebte, aber grosse Verwandte im Norden – dort China, hier Deutschland –  ist naturgemäss die primäre Quelle für den Könnernachschub. Doch die Kleinen stehen beim Abwerben in der Konkurrenz mit 45 «sterbenden» Nationen, die bei Fertilitätsraten unter 1,7 den war for foreign talent als gegenseitige Kannibalisierung betreiben. Denn bei den ihrerseits demographisch Absinkenden findet man nach wie vor die am besten Ausgebildeten.

Gleichwohl ist die Einwanderungspolitik Kanadas oder Singapurs nicht wirtschaftsfreundlich. Ottawa verhält sich zur Nation eher wie ein fordernder Vater, dessen Kinder wegen Unvorhersehbarkeit der Zukunft einmal mehr können müssen als er selbst. Danach hat Ottawa sein Punktesystem ausgerichtet. Die berühmte 67 Punkte-Vorgabe soll diejenigen finden, die Arbeitsplätze der Zukunft schaffen, die selbst der klügste Immigrationsminister noch nicht kennen kann. Nur 10 Punkte gibt es deshalb für ein Stellenangebot oder für eine bereits begonnene Beschäftigung vor Ort. Doch 24 Punkte für hohe Sprachkenntnisse, 25 für erstklassige Bildungsabschlüsse und noch einmal 20 für schnelles Hochklettern auf der Karriereleiter im Heimatland bescheren den neuen Pass.

Man kann schliesslich einen Einwanderer nicht einfach wieder ausbürgern, wenn sein Arbeitgeber bankrottiert oder neue Technologien seine enge Ausbildung hinfällig machen. Er bleibt ein Mensch mit seiner Würde, den die Mitbürger nun versorgen müssen.

Man sucht deshalb Köpfe, die jederzeit und selbständig ihre Qualifikation auf den neuesten Stand bringen können. Die Regierung dient mithin nicht Einzelfirmen, sondern muss die Zukunft des Ganzen steuern. Nur sie kann die Instanz sein, die auf nachhaltige Kompetenz achtet und dafür auch einzelnen auf die Füsse tritt.

Gleichwohl wäre die vorrangig gesuchte Gruppe als «Kompetenz-Kontingent» fehlbezeichnet. Denn auf Obergrenzen wird in Kanada gerade verzichtet. Die Schweiz muss jährlich rund 40.000 Ungeborene kompensieren. Stehen plötzlich 50.000 Asse vor den Passbehörden, würde man aus Ottawas Sicht dennoch alle nehmen. Niemand weiss doch, ob im Jahr drauf auch nur 20.000 Schlange stehen, und gerade aus den 10.000 oberhalb eines Limits könnten sich die Tüftler für das Verbleiben in der Weltspitze rekrutieren.


1 Gerhard Bosch, «Fachkräfte – das Geheimnis der deutschen Wettbewerbsfähigkeit», Wirtschafstdienst , 2011; www.wirtschaftsdienst.eu/downloads/getfile.php?id=2628
2 http://www.businessinsider.com/countries-with-the-most-brainpower-2013-10

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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