«Einstein würde sich im Grabe umdrehen»

Der deutsche Wissenschaftskabarettist Vince Ebert stösst Publikum und Kollegen gerne vor den Kopf. Mit Erfolg! Ein augenzwinkerndes Gespräch über den Wissenschaftsbetrieb, gesellschaftliche Doppelmoral und depressive Eisbären.

«Einstein würde sich im Grabe umdrehen»

Herr Ebert, Ihr neues Programm trägt den Titel «Freiheit ist alles». Wie frei waren Sie, als Sie es geschrieben haben?
In den letzten Jahren habe ich mich von vielen Zwängen freigemacht. Ich muss keine Rechenschaft mehr ablegen über das, was ich tue. Wenn ich heute eine gute Nummer schreibe, kann ich sie eine Stunde später in meinem Programm aufführen, und niemand sagt mir: «Du darfst das nicht!» Andererseits schaue ich manchmal meinen Tourplan an und stelle fest, dass ich im übernächsten Jahr am 20. November auf irgendeiner Kleinkunstbühne im hintersten Westerwald spiele. Das eröffnet dann nicht unbedingt Freiräume. Und wenn morgens um sieben in einer ostwestfälischen Frühstückspension die vietnamesische Putzfrau im Zimmer steht und mit schriller Stimme ruft: «Mache jetzt Minibar auffülle – um neun müsse Zimmer räume…», dann ist das auch nicht unbedingt das Glitzer- und Glamourleben, von dem ich anfangs geträumt hatte.

Sie scherzen. Aber eigentlich ist Freiheit doch ein sehr ernstes Thema.
In meinem letzten Programm habe ich mich intensiv mit dem Thema «Denken» beschäftigt. Irgendwann landete ich unweigerlich bei der Freiheit und der Frage: Welche Grenze hat eigentlich das Denken selbst? So ist das jetzige Programm «Freiheit ist alles» entstanden. Seit Jahrhunderten beschäftigen sich die Philosophen mit dem freien Willen. Schopenhauer sagte schon vor 200 Jahren: «Der Mensch kann wohl tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.» Das entspricht so ziemlich genau dem aktuellen Stand der Hirnforschung. Deswegen versuche ich zum Beispiel auch seit fünf Jahren, «ab morgen früh» joggen zu gehen.

Sie sind Physiker und kennen den Wissenschaftsbetrieb. Welche Rolle spielt dort die Freiheit?
Wissenschaft ist ergebnisoffen. Das heisst: Wissenschaft lebt eigentlich davon, dass man sich permanent nach oben irrt und Experimente macht, um Theorien zu widerlegen und zu verbessern. Es kann sein, dass morgen jemand kommt und mit einem Experiment die Relativitätstheorie über den Haufen wirft! Ein Beispiel? Der Biologe nimmt eine Fliege, klatscht in die Hände und die Fliege fliegt davon. Dann nimmt er eine zweite Fliege, reisst ihr die Flügel aus, klatscht wieder in die Hände und erkennt: Die Fliege wurde durch das Ausreissen der Flügel taub. (lacht) Jedes neue Experiment kann neue Erkenntnisse bringen. Ein Wissenschafter kann also nie sagen: «das Problem ist gelöst», sondern er muss immer ein Hintertürchen offen halten. «Stand der Forschung ist…» oder «es existiert ein Restrisiko, dass…». Diese Haltung wird ihm dann von denjenigen, die gern verkürzte Aussagen haben, vorgeworfen.

Gern hätten aber viele Menschen zumindest eindeutigere Aussagen, solche, die allgemein verständlich und unveränderbar sind.
Gerade bei Reizthemen wie Gentechnik oder Kernenergie wird dem Wissenschafter häufig das Wort im Munde umgedreht, da man davon ausgeht – oder ausgehen will –, dass die Dinge eindeutig sind. Das ist ein Irrtum.

Es gibt also einen Graben zwischen ernsthafter Wissenschaft und unserer Alltagswahrnehmung. Die spezialisierten Wissenschafter unterhalten sich in Elfenbeintürmen über Neurobiologie, andere rufen eine teure 0190er-Nummer an und lassen sich die Zukunft vorhersagen.
Stimmt, aber durch meine Bühnenprogramme wird die Diskrepanz ja kleiner. (lacht) Der Wissenschafter ist eigentlich unter seinesgleichen, also im Elfenbeinturm, ganz gut aufgehoben. Es gibt komplexe Zusammenhänge, die man eben nicht breitenwirksam erklären kann. Deswegen ärgere ich mich immer, wenn jeder Dahergelaufene glaubt, er könnte sich ein so hochkomplexes System wie das Klima und dessen Wandel über die Medien erklären oder gar eine unumstössliche Wahrheit herausposaunen. Es wird durch die Medien so suggeriert, aber mir fehlt genau dort oft das Wissen darum, dass es eben viel mehr gibt, was man nicht weiss, als das, was man weiss: Wie beispielsweise kam das Leben auf die Erde? Was war vor dem Urknall? Warum und womit schnurren Katzen? Das sind nach wie vor ungeklärte Fragen. Und warum kotzen die immer auf den Teppich und nie aufs Parkett?

Friedrich August von Hayek nannte das «Anmassung von Wissen».
Und es stimmt: man sollte versuchen, das eigene Nichtwissen zu akzeptieren und als Teil des Handelns zu betrachten. Sicher, viele Wissenschafter selbst torpedieren diese Haltung. Bleiben wir beim Klimawandel: da treten viele Spezialisten und Experten eben nicht als Wissenschafter, sondern als Politiker auf. Die gehen hin, haben Physik studiert und sagen tatsächlich: «Die Diskussion ist beendet.» Und das, obwohl sie ihre Modelle nicht falsifizieren können! Einstein, Planck und Schrödinger würden sich im Grabe umdrehen.

Es ist paradox. Der Wissenschafter soll sich der Öffent¬ lichkeit erklären, und wenn er es tut, macht er es falsch.
Klimaforschung ist da ein besonderes Minenfeld. Klimaforscher kriegen keine Fördergelder, wenn sie sagen: «Eigentlich ist das alles gar nicht so schlimm, und unsere Modelle sind eh untauglich, um die Zukunft vorherzusagen.» Es fliesst hingegen viel Geld mit der These: «Wir erklären euch, wie in 20 Jahren euer Klima aussieht.» Viele Wissenschafter springen auf diesen Zug auf. Keiner kann es ihnen verdenken.

Das Kausalitätsdenken ist in allen Lebensbereichen populär. Wenn man einem Kranken heute ein homöopathisches Zuckerkügelchen gibt und er morgen gesund wird, dann konstruieren sich viele durch diese vermeintliche Kausalität einen Zusammenhang.
Dem kann man nur durch mehr Wissen beikommen. Ich kenne hierfür ein spannendes Beispiel: ein mit mir befreundeter Professor für Genetik macht eine Vorlesung. Und vor der ersten Vorlesung fragt er seine Studenten, wie sie zur Gentechnik stehen. Etwa 80 Prozent halten anfangs wenig davon. Dann hält er ein Semester lang seine Vorlesung, die vermittelt, wie Gene aufgebaut sind, wie sie funktionieren, was mit ihnen passiert. Kein einziges Mal fällt das Wort «Gentechnik». Und dann fragt er die Studenten nach dem Semester noch einmal, wie sie zur Gentechnik stehen, und das Ergebnis hat sich umgekehrt. 80 Prozent befürworten nach diesem Semester die Gentechnik. Wissen mindert also Ängste.

Gleichzeitig kann Wissen auch mehr Skepsis auslösen.
Das stimmt. Aber dennoch ist es ein schönes Beispiel dafür, dass viele Ängste in relativer Unwissenheit wurzeln. Wenn ich mich als Rädchen im Getriebe fühle und nicht genau weiss, was vor sich geht, dann habe ich natürlich Angst. Wenn ich aber um die Mechanismen weiss, also weiss, was ich steuern kann und vor allem wie, dann fühle ich mich sicherer. Es wäre schon ein grosser Schritt nach vorne, wenn beispielsweise im Schulunterricht weniger Formeln, dafür aber mehr Wissenschaftstheorie vermittelt würde. Was bedeutet Signifikanz? Was bedeutet Relevanz? Was ist ein Grenzwert? Was ist der Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität? Wissen immunisiert gegenüber Schlagzeilen und Scharlatanen. Im Endeffekt ist der wissenschaftliche Gedanke nämlich gar nicht schwer. Wenn ich behaupte: «Im Kühlschrank könnte noch Bier sein», und ich schaue nach, dann betreibe ich im Prinzip schon eine Vorform von Wissenschaft. Grosser Unterschied zur Theologie: In der Theologie werden Vermutungen in der Regel nicht überprüft. Wenn ich nur behaupte: «Im Kühlschrank ist Bier!», bin ich Theologe. Wenn ich nachgucke, nichts finde und trotzdem behaupte, es sei Bier da, dann bin ich Esoteriker.

Vince Ebert, der Aufklärer in der Tradition Voltaires…
Und natürlich Kants: habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Selbst dann, wenn du keinen hast…

Müssen Kabarettisten sagen, was andere sich nicht zu sagen trauen?
Vor dreissig Jahren haben in Deutschland meine Kollegen Bruno Jonas und Siggi Zimmer ein religionskritisches Programm gemacht. Sie hatten prompt ein Verfahren wegen Gotteslästerung am Hals. Heute ist das so zum Glück nicht mehr möglich, aber wenn man heute öffentlich sagt, dass Homöopathie Quatsch ist oder Ökologie eine Ersatzreligion, sieht es wieder anders aus. Da verstehen viele Leute überhaupt keinen Spass. Aber hier liegt der Reiz, denn ich versuche eben doch, diese Themen anzusprechen. Jeder von uns kennt den Satz: «Die Schere zwischen Reich und Arm geht immer weiter auseinander.» In meinem Programm untersuche ich, ob das auch tatsächlich stimmt. Dabei kommt es zu einer sehr überraschenden Erkenntnis, die das Publikum erst mal irritiert. George Orwell drückte das sehr charmant aus: Freiheit besteht darin, den Menschen Dinge sagen zu können, die sie nicht hören wollen.

Das behaupten Ihre Kollegen auch, und trotzdem klingen viele Politkabarettisten – auch in der Schweiz – seit Jahrzehnten wie enttäuschte Alt-68er.
Ich finde es schade, dass im Politkabarett seit dreissig oder vierzig Jahren auf die gleichen, alten Feindbilder eingeknüppelt wird. «Die da oben machen, was sie wollen, und der kleine Mann muss alles zahlen.» Das finde ich nicht besonders originell. Man arbeitet sich an Pseudoproblemen ab. Die Gefahr dabei ist, dass man gleichzeitig die wirklichen Bedrohungen unserer Freiheitswerte nicht erkennt.

Unter «Freiheit» verstehen viele einen Freipass für die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse.
Wir können uns immer nur von etwas frei machen. Der liberale Gedanke im Sinne von individueller Freiheit und Eigenverantwortung ist in Deutschland immer ein wenig suspekt gewesen. Wir Deutsche reden lieber über Gerechtigkeit. Wir sind richtige Gerechtigkeitsfanatiker. Das Thema Freiheit ist extrem unterrepräsentiert – über den Humor gelingt es mir, Freiheit wieder zu einem Thema zu machen, indem ich beispielsweise bei der ungeliebten Marktwirtschaft frage: «Wem vertrauen Sie mehr: Ebay oder unserem Rentensystem? Wo ist es sicherer: in Ihrem Garten oder im Stadtpark? Was ist sauberer: öffentliche Toiletten oder Ihr Badezimmer?» Männliche Singles müssen die letzte Frage nicht beantworten.

Wer sind also die Freiheitsfeinde von heute?
Den religiösen Fundamentalismus, wie er etwa vom Islam kommt, halte ich für ein sehr ernstes Problem. Ich habe keine Lösung dafür, aber ich finde es schäbig, wenn man es einfach als Kleinigkeit abtut. Sobald irgendwo eine Lurch-Art gefährdet ist, kann man’s nicht erwarten, eine Bürgerinitiative zu gründen. Aber wenn dänische Karikaturisten mit dem Tode bedroht werden, wenn es also wirklich um die westlichen Werte der Freiheit geht, duckt man sich weg und faselt was von «Respekt gegenüber anderen Kulturen». Dieselben Leute, die hier bei uns um die Frauenquote kämpfen und entsetzt sind, wenn nur 5 Prozent der deutschen Vorstandsposten mit Frauen besetzt sind, sagen bei der Steinigung einer Frau im Iran: «Ach ja mein Gott, das gehört halt zu der Kultur und Streit gibt’s immer!»

Das ist Kulturrelativismus. Und Sie sind der Hofnarr, der gefahrlos darauf hinweisen kann?
Man muss sich seine Narrenfreiheit nehmen. Es geht um Mut. Mut bedeutet auch, sich unbeliebt zu machen. Oder zumindest zu
riskieren, sich unbeliebt zu machen. Ich bekomme immer wieder Briefe und Mails von Zuschauern, die entsetzt sind, welche Meinung ich zum Islam habe. Zuschauer sind auch entsetzt darüber, dass ich auf der Bühne einen 50-Euro-Schein verbrenne. Aber Freiheit bedeutet, eben nicht mit der Masse zu schwimmen. Wenn ich also einen Widerspruch entdecke oder eine Doppelmoral, so spreche ich sie auch an. Wenn man das politisch Unkorrekte lustig verpackt, kann man bei vielen durch die Brust ins Auge stossen, ohne dass sich die Leute allzu sehr beleidigt fühlen.

Was bedeutet denn «lustig verpacken»?
Humor funktioniert durch eine Blickwinkeländerung. Ein Perspektivwechsel, der eine vielleicht ernste Sache überzeichnet oder mit einer zunächst unpassend erscheinenden anderen Sache kombiniert. Humor muss subversiv sein, vielleicht skurril. Um das zu erreichen, braucht es den Willen, aus gelenkten Bahnen auszubrechen.

Und dabei können Ihnen Ihre Zuhörer folgen?
Natürlich. Ein Beispiel: Noch vor gar nicht so langer Zeit wurden wir in den Medien mit Bildern von depressiven Eisbären bombardiert, die einsam und alleine auf Eisschollen in die Abendsonne treiben. Dabei hat sich in den letzten 50 Jahren der Eisbärenbestand in der Arktis verfünffacht. Im Gegensatz zum Braunbärenbestand in Deutschland. Der lag 2006 bei exakt einem Exemplar:
Bruno! Ein mickriger Bär in Bayern – und trotzdem hat der damalige Ministerpräsident Stoiber gesagt: «Der Bär muss erschossen werden, weil er Schaden anrichtet.» Was ist das nur für ein Argument? Nach der Theorie müsste man das gesamte bayerische Kabinett an die Wand stellen!

Ein Teil der vielzitierten «German Angst». Was sagen Sie denen, die meinen, alles werde immer nur schlechter?
Mein Nachbar gründete neulich eine Bürgerinitiative gegen Elektrosmog, weil die Telekom bei uns um die Ecke einen Mobilfunkmast aufgestellt hat. Da haben über 1000 Leute unterschrieben, die angeblich unter Kopfschmerzen und Übelkeit leiden. Als er dem Telekom-Sprecher das Protestschreiben in die Hand gedrückt hat, sagte der: «Und wie schlimm muss es erst werden, wenn wir nächsten Monat den Mast auch noch in Betrieb nehmen…» – Im Ernst: Wenn unsere Nahrungsmittel angeblich immer giftiger werden, wir immer dicker und ungesünder werden, wenn der Zustand unserer Umwelt immer schlimmer wird – warum steigt dann unsere durchschnittliche Lebenserwartung? Wir werden so alt wie nie zuvor, dann kann doch nicht alles schlechter werden, oder?!

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