Einsiedler Totentanz

Thomas Hürlimanns «Einsiedler Welttheater» war das Ereignis des letzten Theatersommers. Zum zweitenmal nach 2000 wurde das Stück auf dem Vorplatz des Benediktinerklosters Einsiedeln gespielt, allerdings in einer komplett neuen Fassung. Für Verstimmung sorgte dabei Hürlimanns Eingriff, die Figur Gottes ganz aus der Vorlage, Calderón de la Barcas «El gran teatro del mundo» von 1641, zu streichen und sein Welttheater konsequent im Diesseits anzusiedeln. Rechtskatholiken warfen dem Autor vor, ein perspektivloses Untergangs-Szenarium zu bieten, und verteilten vor der Aufführung Handzettel, die zum Boykott des Stücks aufriefen. Lässt man den Text für sich sprechen, erweisen sich solche Reaktionen als ebenso überspannt wie ungerechtfertigt.

Tatsächlich hat Hürlimanns Welttheater mehr von einem grellen Totentanz als von einem Fronleichnamsspiel, doch wäre umgekehrt zu fragen, ob Calderóns Gesetz der Gnade heute überhaupt noch glaubhaft umzusetzen sei. Der Autor hat diese Frage in einem Interview mit dieser Zeitschrift verneint («Schweizer Monatshefte», Juni 2007) und sich damit ganz bewusst gegen billigen Optimismus und wohlgefälliges Schönreden entschieden. Vielmehr konfrontiert er sein Publikum mit einer buchstäblich heil-losen Welt, in der von Anfang an ein kalter Endwind weht und die unabweisbar auf ihr Ende zutreibt. Die Ursachen für diese Katastrophe sind kein Gottesgericht, sondern hausgemacht. Mögen die auf der Bühne agierenden Figuren auch auf das allegorische Spiel des Barocktheaters verweisen, so ist ihr durch blinde Gier und Profitstreben geeintes Handeln durch und durch modern. King Kälins Parole, «Bi üs im Spiel und au global / Lauft alles butznormal!», ist gängiger Politikerjargon, und auch die Zuversicht des Manns an der Börse, der selbst im apokalyptischen Feuer noch ein Signal für gute Geschäfte auf dem Parkett wittert, ist uns nicht unbekannt: «Kurz vor Börsenschluss / zeigt sich ein neues Angebot: / Der Himmel färbt sich rot.» Bei soviel Geschäftssinn wollen die Einsiedler Frauen nicht zurückstehen und haben für zahlungskräftige Pilger neben den üblichen Devotionalien («Madönneli im Sternenwind / Madönneli mit Rosenkranz») auch gleich noch Beruhigungspillen, Auferstehungsflügel und Gletscherbrillen im Angebot. Sind die Akteure erst einmal richtig in Fahrt, kippt ihre Begeisterung nicht selten in sinnfreies Wortgeklingel: «Makro mikro Todeskräfte / Quallen Gallen Fiebersäfte / Karzinom Dynamik Embolie / Atom Islamik Dysphasie / Natur Fraktur Total.» Das ist hart an der Grenze zum Klamauk, und man befürchtet schon, Hürlimanns Stück könnte in ein beliebiges postmodernes Potpourri abgleiten. Zuletzt jedoch wird der Wind auf der Bühne schärfer und die Stimmung nachdenklicher. In

einem Zwischenspiel führt eine Kinder-Theatertruppe die Passion Christi auf, was besonders bedrückend wirkt, weil das vermeintlich naive Spiel der Kinder die düstere Welt der Erwachsenen exakt kopiert. Am Ende wird nicht nur die Hoffnung auf Erneuerung aus kindlicher Unschuld enttäuscht. Auch die Liebe, das vielleicht letzte Bindeglied zwischen der christlichen Kultur und dem säkularen Denken der Gegenwart, erweist sich als schwacher Trost. «Du muesch kei Angscht ha», versichern die in Angst und Schrecken vereinten Paare einander in der Schlussszene, «Heb mi nume / S isch gly ume / Ich bi da.» Gleich darauf hebt der Endwind zu seinem siebten und letzten Anlauf an.

In Calderóns «Grossem Welttheater» gab es noch eine zweigeteilte Bühne: das göttliche Gesetz oben und die Welt der Menschen unten, beide vermittelt durch die von Gott gewährte Gnade. Bei Hürlimann ist der Himmel über dem Einsiedler Klosterplatz leer. Auf eine Erlösung von aussen darf hier niemand mehr hoffen.

vorgestellt von Georg Deggerich, Krefeld

Thomas Hürlimann: «Das Einsiedler Welttheater 2007». Zürich: Ammann, 2007.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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