Einmal Schmähungen, das andere Mal Statistiken

Das Freizügigkeitsabkommen der Schweiz mit der EU aus dem Jahre 2002 war ein epochaler Einschnitt in der Migrationsgeschichte der Schweiz. Wie unterschiedlich man auf die danach einsetzende Einwanderung aus den EU-Ländern – und besonders aus Deutschland in die Deutschschweiz – reagieren kann, zeigen die beiden hier zu besprechenden Bücher, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Das zuerst erschienene, von Bruno Ziauddin, gehört zur Gattung der Schmähreden, die mit ihrem Gegenstück, der Lobrede, zweierlei gemein hat: man kann und darf die dem Anlass geschuldeten Aussagen nicht völlig für bare Münze nehmen, und nach relativ kurzer Zeit stellt sich ob der stetigen Wiederholung der immer gleichen Gedankenfigur eine gewisse Ödnis ein. Dabei gibt Ziauddin den Bramarbaseur gegen alles Deutsche derart distanzlos und ironiefrei, dass man befürchten muss, zwischen Autor und Rednerfigur passe kein noch so dünnes Blatt. Bis Seite 27 seines Buches reiht Ziauddin alle Schmähungen und Vorurteile dicht hintereinander, deren er nur habhaft werden konnte. Danach geht dem Autor ein bisschen die Puste aus, und es beginnt ein mit weniger Invektiven gespickter, mässig informativer Teil, in dem dürftige journalistische Recherchierfrüchte zum Thema Deutsche und Deutschschweizer ausgebreitet werden. Unter dem Komikaspekt entspricht «Grüezi Gummihälse» teutonischen Humorfiaskos: es fehlt jede Leichtigkeit oder die Fähigkeit zur wirklich bitterbösen Satire, die man bei manchen Briten so bewundern kann. Man bekommt bestenfalls Bierzelthumor voll saurer Ressentiments und fader SelbstbelobShudelung. Dabei fragt der innere Biedermann längst streng, ob man über sowas nicht den vornehmen Mantel des Schweigens decken könnte. Wäre das Buch nur eine anspruchslose rhetorische Übung, böte es bloss das Innenleben eines juvenil-kraftmeiernden Autors (was zahlreiche autobiographische Stellen nahelegen), wäre das wahrscheinlich das beste. Aber so einfach kann man ein gestörtes Verhältnis zum angeblich Fremden nicht abtun. Ein kunstloses Gebräu aus belanglosen, aber hämischen Anekdoten, humoristischen Rohrkrepierern und substanzlosen Vorurteilen zu diesem Thema ist leider kein harmloser Spass, wenn man bedenkt, welche Bedrohung der Fremdenhass nicht erst heute für die allgemeine Wohlfahrt darstellt. Angesichts solcher Tiraden, von denen einige auch gut in das Handbuch des Neonazihumors passen würden, gerät das Bild vom hysteriefesten Schweizer gehörig ins Wanken. Welche Zukunft ist für Europa zu erwarten, wenn schon zwischen (Deutsch-)Schweizern und Deutschen ein solcher Ton erst möglich ist und dann üblich werden sollte? Niederstes Niveau für niederste Instinkte hat sein Publikum, aber es ist ein Spiel mit dem Feuer. Jedenfalls bewahrheitet sich mit diesem Buch eine Erkenntnis der Stereotypenforschung: Ähnlichkeit bis zur Verwechslungsgefahr facht negative Nationalstereotype eher an. Das Buch von Ziauddin ist der beste Beweis dafür, dass ein Deutschschweizer Secondo ein sehr typischer Deutscher werden kann.

Aus einem ganz anderen Blickwinkel nähert sich der aufwendig produzierte Aufsatzband von Avenir Suisse der aktuellen Zuwanderung in die (Deutsch-)Schweiz. Vor allem gestützt auf Daten und Statistiken versucht man hier aus Sicht der prosperierenden Schweizer Wirtschaft in 10 Aufsätzen, 5 Interviews und Mehraugengesprächen und mit weiterem Material herauszustreichen, dass die starke Zuwanderung gutausgebildeter Fachleute in einer globalisierten Weltwirtschaft die beste Versicherung für den Wohlstand der Schweiz in der jüngeren Vergangenheit war und auch in Zukunft sein wird. Das wirklich Neue an der auch im internationalen Vergleich beeindruckend zahlreichen Zuwanderung von Hochqualifizierten sei von vielen Schweizern noch gar nicht richtig bemerkt und verstanden worden. Nach Ziauddin liest sich das zuerst wohltuend sachlich, allerdings ist die technokratische Behandlung des Themas auch die grösste Schwäche des Bandes. Die sachlichen Argumente für die Zuwanderung Hochqualifizierter, wie Globalisierung, Fachkräftemangel oder internationale Konkurrenzsitua-

tion hat der Leser schnell begriffen, aber er fragt sich, wo der Mensch mit seinen Ängsten und Hoffnungen bei all den rein ökonomi(sti)schen Nützlichkeitserwägungen bleibt. Dazu vermögen die meisten Autoren tatsächlich nicht mehr beizutragen, als wiederholt zu konstatieren, dass es abseits der statistisch zu…

«Die Zeitschrift für unabhängige
und selbstverantwortliche Individuen!»
Werner Kieser, Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»