Einigkeit und Recht und Freiheit

Sein Interesse beginnt dort, wo andere nicht weiterbohren wollen. Seine Quellenarbeit erschüttert weitverbreitete Geschichtsbilder – und damit gleichzeitig unseren Blick auf die Gegenwart. Der deutsche Historiker Götz Aly im Gespräch über Gleichheit, Neid und Rassenhass. Oder kürzer: über nationalen Sozialismus.

Einigkeit und Recht und Freiheit

Herr Aly, Sie erhalten dieses Jahr den Ludwig-Börne-Preis – einen Preis für den Mut, unliebsame Meinungen öffentlich zu äussern. Wenn aber diejenigen, die von ihrer Meinungsfreiheit wirklich ­Gebrauch machen, mit viel Brimborium in der Frankfurter Paulskirche dafür ausgezeichnet werden müssen, kann es nicht besonders gut um die Meinungsfreiheit stehen…

Wie in jedem angeblich liberalen Land sind wir von Tabus umstellt, auch von Denktabus. Schauen Sie sich den deutschen Medien­betrieb an: Die meisten Redakteure laufen den ganzen Tag auf­gescheucht herum und überlegen, was man alles nicht sagen und nicht denken darf. Die meisten deutschen Historiker verhalten sich als Gesinnungswarte; sie wollen nicht hören, dass die deutsche Krankenversicherung für Rentner oder das Kindergeld von Hitler eingeführt worden sind und dass wir von ihm unsere schönsten Naturschutzgesetze haben. Solche Tabus verhindern Erkenntnis. Sie verhindern halbwegs realistische Antworten auf die Frage, warum der Nationalsozialismus für so viele Deutsche ­attraktiv war.

Was heisst, man darf nicht? Die Frage ist doch: Warum spricht man nicht darüber? Debatten sind etwas Spannendes.

Und etwas Anstrengendes! Das sozialdemokratische Weltbild hat sich insgesamt erfolgreich durchgesetzt. Wer unliebsame Wahrheiten ausspricht oder etablierte Ansichten zur Disposition stellt, macht sich unbeliebt. Und der Mensch ist eben ein bequemes ­Wesen. Das gilt gerade für die Deutung der deutschen Geschichte – egal ob das Thema nun der Nationalsozialismus oder die 68er
Bewegung ist. Die historischen Themen sind in ihre Schubladen einsortiert. Auch Universitäten, die Institutionen also, in denen die Geschichte diskutiert und erforscht werden sollte, sind heute im wesentlichen durchsozialdemokratisiert. Man glaubt, die Forschung habe sich in diese oder jene Richtung zu entwickeln, und wacht mit Argusaugen darüber. Wer davon abweicht, ist suspekt.

Konkreter?

Die Sprecher der vorherrschenden Meinung deklarieren die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands als «Sonderfall», der historisch einmalig und nur durch «blinden Rassenhass» ­erklärbar sei. Das stimmt aber nicht. Man kann die Entstehung des Nationalsozialismus historisch herleiten, die Voraussetzungen mit den normalen Mitteln der Historiographie beschreiben. Wenn man sich natürlich einzig die deutschen Verbrechen nach 1933 ansehen möchte und dann sagt: «Ich will nicht, dass diese zu unserer Geschichte gehören», dann verstehe ich das. Ebenso verstehe ich, dass, wenn jemand ein Kind totgefahren hat, der Fahrer und seine Familie nicht wollen, dass den ganzen Tag darüber gesprochen wird. Aber Historiker haben nun mal die Aufgabe, sich mit diesen unangenehmen Dingen zu beschäftigen.

Das ist auch eine Frage der Methode. Ihr Ziel ist es, dass sich die Leute in die historischen Szenarien mehr hineindenken, statt sich bloss rückblickend zu schämen.

Es gibt eine verständliche menschliche Tendenz, den National­sozialismus aus der deutschen Geschichte auszugliedern. Dagegen arbeite ich mit meinen bescheidenen Mitteln an. Meine Bücher funktionieren anders als der Schulunterricht und auch anders als die monatlich wiederkehrenden NS-Stories im «Spiegel»: Sie sind quellenbezogen, rücken die Geschehnisse in ihren historischen Kontext und beugen so dem NS-Abwehrreflex des Lesers vor, der sich unbedingt auf der besseren Seite sehen möchte.

Ihre Arbeit hat Ihnen aber nicht nur Lorbeeren für die freie Rede eingebracht. Wer sich wie Sie in Deutschland mit dem tradierten Geschichtsbild anlegt, sieht sich Verharmlosungsvorwürfen ausgesetzt. Wie stehen Sie dazu?

Diese Vorwürfe sind haltlos. Meine Methode führt einfach nicht zu jenem populären Geschichtsbild von den vielen Opfern einerseits, mit denen man sich heute leicht identifizieren kann, und den verhältnismässig wenigen Mördern andererseits, die zu verabscheuen sind. Ich spreche immer wieder von den vielen Millionen Deutschen dazwischen. Sie schufen die politischen Voraussetzungen, bildeten den Boden für alle diese Verbrechen, die heute – das ist ein grosser Fortschritt – nicht mehr strittig sind.

Dann holen wir also einmal tief Luft und begeben uns zurück zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Die traditionelle deutsche Geschichtsschreibung sagt: Adolf Hitler konnte nur…

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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