Einer, der seinen Augen nicht trauen will

Pascale Kramer lässt vieles offen

«…dass etwas erregend Verwirrendes sie alle in Bann hielt». – Dieser Teilsatz findet sich gegen Ende von Pascale Kramers Roman «Zurück». Bezeichnend eigentlich für den ganzen Roman, bezeichnend für eine Erzähltechnik, die vieles offen lässt, und zutreffend auf eine Schriftstellerin, die mit Andeutungen umzugehen weiss.

Vor eineinhalb Jahren veröffentlichte der Zürcher Arche-Verlag erstmals einen Roman der 1961 in Genf geborenen Autorin auf deutsch: «Die Lebenden». Ein schonungsloses Bild menschlichen Überlebenswillens gegen alle Unbill, gegen alles Mitleid. Dass es – das Leben – immer irgendwie weitergeht, zeigt der neue Roman «Zurück» eindrücklich aufs neue. Protagonist ist der junge Adrien, der durch Raphaëls Familie in eine Welt gerät, die ihm weitgehend unbekannt ist. Raphaël ist der Cousin seines Vaters, die Familie ist aus Uruguay zurückgekehrt und übt auf den angehenden Studenten eine Faszination aus, die er sich nicht erklären kann. Da ist die gleichaltrige Fabienne, Raphaëls Tochter aus erster Ehe, in deren Gegenwart sich Adrien klein vorkommt, zurückgeblieben, unerfahren. Oder Béatrice, die jetzige Frau Raphaëls: «Etwas an ihr (…) war ungeheuer erregend.» Und die kleine Tochter Nina, die auch Lolita heissen könnte.

Als sich die Gelegenheit bietet, zieht Adrien kurzentschlossen in dasselbe Haus in der Stadt ein, in die Wohnung über Raphaëls Familie. Der Roman wird zum Kammerspiel. Emotionen ballen sich auf engstem Raum, unter einem Dach, aufgebrochen allerdings durch Rückblenden, Adriens Erinnerungen an die Treffen mit der Familie, bevor diese in die Stadt zog und noch vorübergehend in einem Chalet des Grossvaters lebte. Beobachtungen, die den heranwachsenden Mann verwirrten. Und immer wieder hört er Schreie aus der Wohnung unter ihm. Oder Stille, verdächtige Stille. Dem jungen Mann kommen verschwommene Bilder der Gewalt hoch, wie er sie in jenem Familienkreis früher schon mitbekommen hatte, jedoch nie wahrhaben wollte. Zwei «Parteien» treffen aufeinander: Adrien, der in Sachen zwischenmenschlicher Beziehungen gerade erst aufwacht, und Raphaëls Familie, die von Verheerungen durchgeschüttelt wird. Gewalt ist keine Abstraktion, auf Tabus scheint in dieser Familie niemand Rücksicht zu nehmen.

Pascale Kramer versteht es meisterhaft, die Differenz zwischen Denken, Sprechen und Handeln darzustellen. Der naive Jüngling wird Mal um Mal mit einer Realität konfrontiert, die seinen Vorstellungen nicht entspricht. Zum Beispiel im Gespräch mit Fabienne: «Sie fand es lustig, dass die Familie ihnen erlaubt hatte, hier einzuziehen, und als Adrien die Stelle in Madrid erwähnte, von der Raphaël beim Abendessen gesprochen hatte, sah sie ihm lachend in die Augen, wie um sich zu vergewissern, dass er nicht derart gutgläubig sein konnte.» Der melancholisch-lakonische Grundton, den die Autorin anschlägt, ist zugleich – und darin liegt die grosse Stärke dieses Romans – erotisch aufgeladen. Adrien wird immer wieder in Versuchung geführt; seine Schüchternheit, wohl auch seine gute Kinderstube halten ihn jedoch davon ab, seine Vorstellungen in die Tat umzusetzen – mit einer Ausnahme: Er schläft mit seiner Freundin Claire, obwohl diese nicht will, ihn aber dennoch gewähren lässt. Tage später gesteht Adrien, «er habe nur mit ihr schlafen wollen, damit Raphaël sie höre». Die rational nicht erklärbare Hörigkeit gegenüber diesem grobschlächtigen Menschen ist eine der Konstanten in Kramers Roman. Ist Raphaël jedoch nicht zugegen, bleibt Adrien in seiner biederen Welt gefangen. Als er mit Aktphotos konfrontiert wird, die Béatrice in provokanten Posen zeigen, ist er fassungslos, auch oder gerade weil die kleine Nina deswegen kein grosses Aufheben macht. Und als Raphaël eines Tages des Mordes angeklagt wird, ist ausser Adrien – «unfähig, irgendeinen Kommentar abzugeben» – niemand überrascht.

«Adrien fragte sich, ob er richtig gesehen habe.» – Das Leitmotiv von Kramers hintergründigem Roman. Die Unsicherheit des Protagonisten hält den Leser gewissermassen auf Trab, als betrachte er ein Aquarell, das noch im Entstehen ist, bei dem die Farben fliessen, sich laufend neu vermischen. Tatsächlich kommt Kramers Bild, der Roman, dank den unsichtbaren, jedoch stets spürbaren Gefühlsströmen nie zum Stillstand: «Zurück» endet mit den Selbstzweifeln Adriens, dem tiefen Misstrauen in seine eigene Wahrnehmung, endet also da, wo er begonnen hat. Die archaische Welt der Täter bleibt für Adrien ein Rätsel, die blinden Mechanismen der Gewalt sind für ihn nicht verständlich. Schuld und Unschuld sprechen nicht dieselbe Sprache. Dieses Spannungsfeld zwischen Rationalität und Irrationalität, zwischen passivem Schöngeist und aktiver Egozentrik hält die Autorin bis zum Schluss, bis zur Abreise der Familie zurück nach Uruguay, virtuos aufrecht.

Pascale Kramer, «Zurück». Roman. Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Zürich/Hamburg: Arche, 2004.

Markus Bundi, geboren 1969, ist Kulturredaktor bei der «Aargauer Zeitung» und freier Autor. Zuletzt erschien von ihm der Gedichtband «Entsichert» (2004).

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