Eine Replik auf Martin Grichting: «Nicht Mitte, nicht links, nicht rechts»

In seinem im «Schweizer Monat» vom 14. Dezember 2014 veröffentlichten Beitrag schreibt Martin Grichting: «Die Kirche ist weder rechts noch links, und sie zählt auch nicht zur Mitte.» Dem ist ohne Wenn und Aber beizupflichten. Anders als beispielsweise Gewerkschaften oder Wirtschaftsverbände handelt es sich bei der Kirche nicht einfach um eine Interessensgruppe, sondern sie zeichnet […]

In seinem im «Schweizer Monat» vom 14. Dezember 2014 veröffentlichten Beitrag schreibt Martin Grichting: «Die Kirche ist weder rechts noch links, und sie zählt auch nicht zur Mitte.»

Dem ist ohne Wenn und Aber beizupflichten. Anders als beispielsweise Gewerkschaften oder Wirtschaftsverbände handelt es sich bei der Kirche nicht einfach um eine Interessensgruppe, sondern sie zeichnet sich gerade dadurch aus, dass ihr Menschen unterschiedlichster politischer Ausrichtung angehören. Entsprechend gross war denn die Irritation, als sich die Kirche vor den Karren der Gewerkschaften spannen liess und das von diesen lancierte Referendum gegen die Liberalisierung des Warenangebots in Tankstellenshops unterstützte. Der Sache der Kirche ist es wenig dienlich, wenn einzelne Kirchenexponenten sich in alltagspolitische Debatten einmischen, denn dadurch werden die Kirchen mit anderen Akteuren im zivilgesellschaftlichen Bereich verwechselbar und riskieren, auf eine Stufe mit politischen Gruppierungen und Interessensverbänden gestellt zu werden.

Dass Friedrich Schleiermachers Kritik an der moralistischen Verfälschung des Christentums noch immer aktuell ist, zeigt sich gerade dort, wo Kirchenvertreter im Stil eines politreligiösen Populismus gegen die Wirtschaft wettern und ihre Kanzelschelte (ausschliesslich) der Gier der anderen gilt. Wem theologisch nichts mehr einfällt, der moralisiert. Wenn ein Kirchenmann, wie unlängst geschehen, aus dem Gleichnis Jesu von den Arbeitern im Weinberg die Unterstützung der Forderung nach einem unbedingten Grundeinkommen ableitet, dann ist das nicht einfach nur schlechte, sondern gar keine Theologie. Das von den Kirchen beanspruchte «rechte Wort zur rechten Zeit» erfordert solide theologische Arbeit und nicht einfach ein politisches Bekenntnis. Theologischer Sprachlosigkeit ist mit noch so viel Moral nicht beizukommen.

Ganz und gar beizupflichten ist Martin Grichting auch dort, wo er betont, dass es nicht angehen kann, dass die kirchliche «Hierarchie […] die Gläubigen politisch zu gängeln» versucht. Die Zeiten – dem Himmel sei Dank! – sind definitiv vorbei, als der Klerus den Gläubigen vorschreiben konnte, wie diese politisch abzustimmen hätten.

Nicht einsichtig ist indessen, weshalb die gebotene Zurückhaltung der Kirchenleitung dort nicht mehr gelten soll, wo es um biopolitische Themen geht:

«Dort, wo zentrale Fragen der Glaubenslehre oder die Menschenwürde – etwa in Fragen der Bioethik oder des Rechts auf Leben – unmittelbar zur Debatte stehen, wird die amtliche Verkündigung automatisch politisch.»

Die Antwort auf die Frage, weshalb die Kirchenleitung sich bei biopolitischen Fragen dann doch einmischen soll, bleibt Martin Grichting bezeichnenderweise schuldig. Weshalb meint die Kirchenleitung dort, wo es um das grosse gesellschaftspolitische Dauerthema «Umgang mit Lebensanfang und Lebensende» geht, die Gläubigen bevormunden zu müssen? Weshalb wird den Gläubigen zugestanden, sich auf dem Feld der Wirtschafts- und Sozialpolitik «im eigenen Namen, auf der Basis ihres christlich gebildeten Gewissens» einzumischen, nicht aber dort, wo es zum Beispiel um Fragen der Reproduktionsmedizin geht? Weshalb traut die Kirchenleitung dem christlichen Bürger, der aufgrund der veränderten neuzeitlichen Verhältnisse «zum Protagonisten geworden ist», nicht zu, dass er als freier mündiger Christenmensch – und eben nicht mehr nur als «Befehlsempfänger der Hierarchie» – durchaus imstande ist, die Komplexität biopolitischer Fragen zu durchschauen und im Lichte des Evangeliums zu einer eigenen, vor Gott verantworteten Antwort zu gelangen? Könnte es sein, dass die Kirchenleitung glaubt, in biopolitischen Fragen die Deutungshoheit zu besitzen und ihre Haltung als die einzig wahre christliche ansieht?

Angesichts der heftigen politischen Diskussionen über Suizidhilfe, Fortpflanzungsmedizin oder Stammzellenforschung dürfte es auch Martin Grichting nicht entgangen sein, dass man im Lichte des Evangeliums und unter Berufung auf die unantastbare Würde des Menschen zu durchaus unterschiedlichen Positionen gelangen kann. Man hätte sich gewünscht, dass Martin Grichting mehr Gedanken darauf verwendet hätte, zu erklären, weshalb zu den zentralen Inhalten der Glaubenslehre zwar Fragen der Bioethik, nicht aber solche der Sozialpolitik gehören und weshalb die politische Zurückhaltung der Kirchenleitung im Bereich der Biopolitik nicht gelten soll.

Dass die Kirche sich nicht – wie geschehen – vor den Karren einer Partei oder eines Interessensgruppe spannen lassen sollte, heisst nun freilich nicht, dass sie apolitisch wäre. Parteipolitisch und politisch sind zwei Paar Schuhe. Deshalb ist Martin Grichting auch dort dezidiert zu widersprechen, wo er schreibt:

«Sie [die Kirche] vertritt eine Glaubenslehre, die per definitionem nicht die Lösung kontingenter weltlicher Fragen zum Ziel haben kann.»

Gewiss hat der christliche Glaube nicht zum Ziel, den Himmel auf Erden zu verwirklichen. Aber wie dem Evangelium auf Schritt und Tritt entnommen werden kann, hat er es keineswegs nur mit den letzten, sondern auch mit den vorletzten Dingen zu tun, nämlich mit dem, was uns im Hier und Jetzt angeht. Die aufwühlende, ungeheuerliche Botschaft des Evangeliums spricht in die Gegenwart hinein und impliziert Konsequenzen für das Diesseits. Deshalb ist der Verkündigungsauftrag der Kirche unauflöslich mit einem Öffentlichkeitsauftrag verbunden. Dazu kommt, dass eine Kirche, die sich in der pluralistischen Gesellschaft behaupten und ihr Alleinstellungsmerkmal verteidigen will, sich automatisch in die Bürgergesellschaft hineinbegeben und politisch mitreden muss. Wo Verkündigung aufhört und Politik anfängt, ist nicht ganz so scharf abgrenzbar, wie Martin Grichting zu wissen meint.

Die entscheidende Frage kann deshalb nicht sein, ob die Kirche sich politisch äussern soll, sondern wie sie dies tut.

Der autoritäre, oft auch besserwisserische Habitus, mit dem sich so manche Kirchenvertreter in die öffentliche politische Debatte einmischen, – übrigens bisweilen mit recht wenig Kenntnis der entsprechenden politischen Dossiers (vgl. Tankstellenshop-Initiative!) – passt schlecht zu einem demokratischen Diskurs, der sich, entsprechend der gleichen Freiheit aller Bürger und Bürgerinnen, einer gemeinsamen offenen Suche nach besten Lösungen verschreibt. Wenn sich die Kirche politisch äussert, muss sie sich bewusst sein, dass sie in der demokratischen Öffentlichkeit nur eine Stimme unter vielen ist. Entsprechend kann sie nicht mit dem Wahrheitsanspruch eines Bischofs auftreten, sondern muss sich den Spielregeln einer politischen Debatte unterwerfen und dem argumentativen Härtetest freier Kritik aussetzen. Anstatt sich im Chor der politischen Akteure mit der Verstärkerrolle zufrieden zu geben, könnte die Kirche künftig vermehrt darauf hinarbeiten, selber Meinungsprozesse in Gang zu bringen und anstatt nur prädisponierte Themen aufzugreifen, selber Themen zu setzen.

«Soll die Kirche politisch sein? Und wenn ja: wie?», fragt Martin Grichting in seinem Beitrag.

Eine m.E. überzeugende, zusammenfassende Antwort darauf gibt Dietrich Bonhoeffer in seinem Aufsatz «Was ist Kirche», wo er schreibt:

«Mit der Verkündigung des Gebotes und der Gnade Gottes steht die Kirche an der Grenze […] der menschlichen Möglichkeiten. Sie richtet sich an die Ordnung der Politik, in die der Mensch eingebunden ist. Sie ist aber gerade als politisch ausgerichtete zunächst die kritische Grenze allen politischen Handelns. Die Kirche ist die Grenze der Politik, darum im eminenten Sinn politisch und apolitisch zugleich.»1

Béatrice Acklin ist habilitierte Theologin, Privatdozentin im Bereich systematischer Theologie an der Universität Freiburg i.Ue und politisiert für die FDP im Freiburger Parlament.


[1] Dietrich Bonhoeffer: Berlin 1932-1933. In: Dietrich Bonhoeffer Werke 12. Hrsg. v. Garsten Nicolaisen und Albert Schaffenroth. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 1997. S. 238. 

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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