Eine Mehrheit macht noch keine Wahrheit

Kann eine politische oder geschäftstüchtige Minderheit mit ganz eigenen spezifischen Interessen eine Kettenreaktion in Gang setzen, die eine Minderheitsmeinung so weit verbreitet, dass sie letztlich zur Massenmeinung wird? Ich glaube: sie kann. Wer sich eine eigene Meinung über eine Sache bildet, wird vor allem dadurch beeinflusst, was die wahrgenommene Mehrheit denkt. Dies schon aus dem […]

Eine Mehrheit macht noch keine Wahrheit

Kann eine politische oder geschäftstüchtige Minderheit mit ganz eigenen spezifischen Interessen eine Kettenreaktion in Gang setzen, die eine Minderheitsmeinung so weit verbreitet, dass sie letztlich zur Massenmeinung wird? Ich glaube: sie kann.

Wer sich eine eigene Meinung über eine Sache bildet, wird vor allem dadurch beeinflusst, was die wahrgenommene Mehrheit denkt. Dies schon aus dem einfachen Grund, dass es den meisten Menschen ein Gefühl der Sicherheit vermittelt, zu wissen, dass sie mit ihrem Standpunkt nicht allein sind. Nonkonformität bedeutet umgekehrt, sich in der unbequemen Lage wiederzufinden, die eigene Haltung der Mehrheit entgegenzustellen – was die meisten von uns leider nicht besonders mögen. Aber: ist Massenmeinung gleich Wahrheit? Gesetzt den Fall, der «Common sense» bestünde aus einer weitverbreiteten Zu- oder Abneigung zu einer Person oder einem Gegenstand, sollen diese positiven oder negativen Konnotationen zu einer enzyklopädischen Wahrheit werden? Sicher nicht.

In der Realität lässt sich aber genau das beinahe täglich beobachten. Wikipedia ist ein gutes Beispiel dafür, wie die vermeintliche Mehrheitsmeinung von einigen wenigen gelenkt und zu Wahrheit umgedeutet wird. Das Online-Lexikon, das sich selbst «freie Enzyklopädie» nennt und dessen Wissensdatenbank auf der Mitarbeit vieler beruht, stützt sich inhaltlich stets auf bereitgestellte Links zu Online-Presseartikeln, die das Dargestellte argumentativ abstützen sollen. Eine gute Idee, aber keine kugelsichere, wie sich im Verleumdungsfall von US-Journalist John Seigenthaler zeigte. Der heute 85jährige musste 2005 in seiner eigenen Wikipedia-Biographie lesen, dass er an der Ermordung von John F. Kennedy beteiligt gewesen sei und danach 13 Jahre in der Sowjetunion verbracht habe. Den Gegenbeweis konnte er erbringen, sein Image war jedoch nachhaltig beschädigt.

Vergangenen Oktober nahm sich die italienische Wikipedia selbst vom Netz, aus Protest gegen einen Gesetzesentwurf, den das italienische Parlament diskutiert hatte. Gemäss diesem hätten Online-Medien innert 48 Stunden kommentarlos jegliche Korrektur am publizierten Inhalt vorzunehmen, sofern eine davon betroffene Person mit diesem nicht einverstanden ist. Eine bemerkenswerte Beschränkung der Freiheit der Meinungsäusserung, wie mir scheint. Tatsächlich wäre das neue Gesetz – der Entwurf wurde nach dem Protest entschärft – bloss der hilflose Versuch gewesen, Einzelpersonen gegen die Attacken einiger gut vernetzter, privilegierter und organisierter Leute zu schützen. Oder besser: der Staat wollte dem Szenario vorbeugen, dass sich die Meinungen einzelner in Form eines Wikipedia-Eintrags als neue «Wahrheit» über das Netz verselbständigen.

Keine Frage, das Anliegen ist nobel, aber die Methode nicht. Zu gross ist die Gefahr, dass an die Stelle der «Wahrheit» einzelner am Ende bloss die staatliche «Wahrheit» tritt. Das wäre kein Fortschritt. Wie also vorgehen? Halten wir fest: Die Massenmedien sind leistungsfähige Werkzeuge zur allgemeinen Beeinflussung, auch die meisten demokratisch organisierten Projekte vermitteln in vielen strittigen Fällen bloss die landläufige Meta-Sicht, keinesfalls aber immer die «Wahrheit». Um die Unabhängigkeit und die Freiheit des Denkens, das die westliche Gesellschaft in jüngerer Zeit zu Demokratie und Vorherrschaft führte, aufrechtzuerhalten, ist es wichtig, eine klare Unterscheidung in unseren Köpfen vorzunehmen: wir müssen uns stets fragen, wann es sich bei Informationen um empirische und/oder wissenschaftliche Daten handelt und wann wir es mit weniger objektiven und eher diffus vorherrschenden Meinungen von Massen und Mehrheiten zu tun haben. Der wahrscheinlich beste Weg, dies zu tun, besteht darin, die Zuverlässigkeit unserer Quellen zu überprüfen. Manchmal ist das eine schwierige Aufgabe. Vor allem dann, wenn bestimmte private oder staatliche Minderheiten den Zugang zu den Informationskanälen kontrollieren – und diese Positionen selbst legitimieren und verteidigen können.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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