…eine Leiche mit Kopfschuss

Versehen mit den besten Referenzen kommt Hansjörg Schneiders sechster Roman um den Basler Kriminalisten Peter Hunkeler ins Haus. Sogar im fernen Berlin ist man der Ansicht, es handle sich «um die besten deutschsprachigen Kriminalromane, die derzeit geschrieben werden». Und wie selten im Krimigenre scheinen sich Kritiker und Leser einig zu sein: «Hunkeler und der Fall Livius» befindet sich, wenige Monate nach Erscheinen, schon in der dritten Auflage.

Ein grausiger Mordfall ist es, der Hunkeler zwingt, seinen Neujahrsurlaub im Elsass abzubrechen. In einer Kleingartenkolonie am Stadtrand von Basel wird die Leiche eines alten Mannes gefunden. Anton Flückinger, der eigentlich Anton Livius heissen und aus Ostpreussen stammen soll, hängt wie ein Stück Schlachtvieh an einem Fleischerhaken. Gestorben ist er an einem Kopfschuss. Pikanterweise befinden sich die Schrebergärten auf französischem Hoheitsgebiet, was bedeutet, dass der Kriminalkommissär darauf beschränkt ist, seinem Kollegen Bardet aus dem elsässischen Mülhausen zuzuarbeiten. Was ihn jedoch nicht davon abhält, auf eigene Faust zu ermitteln.

Selbstverständlich haben wir es hier nicht mit orthodoxer Polizeiarbeit zu tun. Hunkeler lädt niemanden zum Verhör und überlässt die Interpretation von Indizien weitgehend anderen. Zum Aktenstudium hat er wenig Lust. Er interessiert sich für Menschen und ihre Umgebung. Also führt er vor allem Gespräche, die allerdings oft ohne ein greifbares Ergebnis bleiben. Nicht nur im Emmental, wo das Mordopfer lange zuhause war, erzählt man einem Polizisten aus Basel nur das Nötigste. Erfolgreicher scheint die Boulevardpresse zu sein, denn schon bald ist in der Zeitung zu lesen, dass der wirkliche Anton Livius im 2. Weltkrieg gefallen sei. Wer also ist der Tote wirklich? Handelt es sich bei dem Mord etwa um einen späten Akt der Rache? Hunkeler erscheint diese Erklärung nicht unwahrscheinlich, zumal er von schrecklichen Ereignissen weiss, die sich in den letzten Kriegsjahren im Elsass zugetragen haben. Oder war alles ganz anders, eben doch «eine ganz normale Kriminalgeschichte», «dutzendfach abgehandelt zum Beispiel von Simenon»?

Der so daherredet, ist einer der vielen Bekannten des Kommissärs, ein abgehalfterter Schriftsteller, um dessen literarisches Potential es schlecht bestellt ist. «Was soll mir noch in den Sinn kommen? Ab und an ein Krimi, das geht noch», lässt er Hunkeler wissen, um in einer späteren Szene dann zu beweisen, dass er auch als Krimiautor nicht viel taugt.

Hansjörg Schneider ist da zum Glück von anderem Kaliber. Er kann es sich leisten, ein Handwerk zu persiflieren, das er selbst meisterlich beherrscht. Von den Landschaftsbeschreibungen über die knappen und präzisen Charakterisierungen bis hin zu den alltagsverhafteten, oft aber auch abgründigen Dialogen zeigt sich der Autor als souveräner Erzähler, dem mit Kriminalkommissär Peter Hunkeler eine Ermittlerfigur gelungen ist, die, trotz der offenkundigen Verwandtschaft mit berühmten fiktiven Kriminalisten wie Wachtmeister Studer oder Kommissär Maigret, in ihrer Individualität überzeugt.

vorgestellt von Joachim Feldmann, Recklinghausen

Hanjörg Schneider: «Hunkeler und der Fall Livius«. Zürich: Ammann, 2007.

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