Eine Kurve nach der andern

Über die Rolle des Zufalls im Leben eines Nobelpreisträgers

Eine Kurve nach der andern

Ich glaube, dass wir alle von externen Ereignissen geformt werden, über die wir keine Kontrolle haben. In diesem Sinne sind wir alle Produkte des Zufalls. Das bedeutet allerdings nicht, dass unsere Leben völlig durch Glück bestimmt sind. Frank Sinatra sang einst: «I Did It My Way». Das Lied wurde sehr beliebt, weil Leute gerne glauben, dass sie die Kontrolle über ihr Leben haben. Dabei handelt es sich sicherlich um eine gesunde Annahme, denn ein gesundes Selbstvertrauen hilft dabei, Widerstände zu überwinden. Es tut aber genauso gut, einmal innezuhalten und sich die selbst erfahrenen Glücksfälle vor Augen zu führen.

Manche nennen es Glück oder Zufall, andere Vorsehung. Letztlich sind es wohl mystische Kräfte, die uns formen – und die wir selbst formen. Es handelt sich um Kräfte, die wir nicht begreifen können.

So war es beispielsweise mein Glück, in einem freien Land zur Welt zu kommen. Vier Jahre nach meiner Geburt begannen sich meine ersten Erinnerungen zu formen. Damals befanden sich die USA in einer ökonomischen Depression, wie es sie erst 2007–2009 wieder in einer ähnlichen Weise geben sollte. Danach dauerte es noch einmal einige Jahre, bis ich realisierte, dass meine Familie arm war – und wir von armen Menschen umgeben waren. In anderen Stadtteilen gab es reiche Leute, die in schönen Häusern wohnten. Wenn man ihnen in der Schule begegnete, waren sie jedoch genau die gleichen Menschen wie wir. Viele glaubten, dass es uns wegen des kapitalistischen Systems der Profite schlecht ging. Aber es gab keine Verachtung für Leute, denen es besser ging. Wir waren nicht arm, weil sie reich waren; schuld war das System.

Ich war wohl vier, als ich noch einmal ausserordentliches Glück hatte. Ich war im Laden von Mr. Cole und hatte eine Süssigkeit aus einem Korb stibitzt und in meine Tasche gesteckt. Zuhause angekommen, fragte meine Mutter, woher ich die Süssigkeit habe. Ich sagte: «Mr. Cole hat sie mir gegeben.» Meine Mutter wusste, dass es sehr unwahrscheinlich war, dass mir Mr. Cole irgendwas geben würde. Sie bestand darauf, dass ich ihr die Wahrheit sagte. Ich gestand: «Ich nahm sie aus einem Korb im Laden.» Daraufhin machte mir meine Mutter klar, dass die Süssigkeit nicht mir gehörte, sondern Mr. Cole. Sie begleitete mich zum Laden, damit ich sie zurückgeben konnte. Meine Mutter war Sozialistin, aber sie fand, dass es unrecht sei, anderen Dinge wegzunehmen, die einem selbst nicht gehörten. Ich kann mich an dieses Erlebnis erinnern, als wäre es gestern gewesen, aber ich hatte damals nicht das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben – wenn ein Fehler gleich korrigiert wird, entsteht kein Schuldgefühl.

Diese Geschichte hätte auch anders ausgehen können. Ich hätte das Beweismaterial essen können, bevor mein Verbrechen aufgedeckt worden wäre. Oder meine Mutter hätte zwar ihren moralischen Standpunkt vertreten können, mir aber mein Vergehen durchgehen lassen können. Oder ich hätte das Ereignis einfach vergessen können. Dann hätte es gar keinen Eindruck auf mich gemacht.

Ich war zu unwissend, um mich zu fürchten

Die Idee, dass wir alle Selfmademen sind und für unsere Erfolge nichts als Stolz fühlen müssen, überzeugt mich nicht vollständig.

Andererseits glaube ich in der Tat, dass sich menschliches Scheitern dadurch erklären lässt, dass Gelegenheiten nicht ergriffen werden, die einem über den Weg gelaufen sind, oder weil man nicht auf die Idee kommt, an ungewöhnlichen Orten nach Gelegenheiten zu suchen.

Ich hatte auch Glück, weil mein Vater einen kleinen Einbauschrank voll Bücher sein Eigen nannte, zu denen auch die Harvard Classics gehörten. Ich entwickelte als Kind den naiven Glauben, dass ein Einbauschrank eine gute Art war, Wissen aufzubewahren. Vergrösserte man ihn bis zu einer Bibliothek, so dachte ich, könnte man darin das gesamte Wissen der Menschheit aufbewahren.

Obwohl meine Mutter und mein Vater die Schule nur bis zur achten Klasse besucht hatten, erwarteten sie, dass ich auf die Uni ging. Da niemand in unserer Familie damit Erfahrung hatte, wusste ich nicht, wie ich mich für eine Uni entscheiden könnte. Also ging ich in die Stadtbibliothek und fand ein Buch, das beschrieb, wie man eine solche Wahl trifft. Und ich hatte schon wieder Glück; im Buch hiess es, das California Institute of Technology wäre die beste Uni. Mehr brauchte ich nicht zu wissen; ich würde das Caltech besuchen! Da ich in der Highschool kein brillanter Schüler war und nicht genug Mathematik, Physik und Chemie studiert hatte, war das eine ziemlich gewagte Idee.

Ich war damals erst siebzehn, aber ich hatte bereits seit fünf Jahren gearbeitet – in einer Apotheke, einem Restaurant und schliesslich für Boeing in Wichita – und dabei genug Geld gespart, um die nahe Friends University zu besuchen. Dort studierte ich Physik, Calculus, Chemie und Astronomie für ein Jahr, meldete mich daraufhin für die Caltech-Aufnahmeprüfung an, bestand sie und wurde von der Uni aufgenommen.

Auch hier spielte der Zufall eine grosse Rolle und sorgte für eine günstige Gelegenheit. Zum Glück kannte ich niemanden, der mir sagte: du bist grössenwahnsinnig. Ich war zu unwissend, um mich zu fürchten, also habe ich mich durchgewurstelt.

Auf der Uni wurde ich von Mitschülern in den Schatten gestellt, deren Brillanz alles übertraf, was ich je gesehen hatte. Es gab nur einen Weg, dieses Handicap zu überwinden: bis spät abends zu lernen, auch am Wochenende. Ich war ein guter, aber kein ausgezeichneter Student. Es war genau die richtige Entscheidung gewesen. Die Umgebung war stimulierend. Ich lernte Chemie von Linus Pauling, Physik von Robert Leighton und J. Robert Oppenheimer, Mathematik von Frederic Bohnenblust (wir nannten ihn liebevoll «Boney»); und Bertrand Russel hielt einmal eine Gastvorlesung über die Philosophie des Wissens.

In meinem Abschlussjahr belegte ich einen Ökonomiekurs, der mich sehr faszinierte. Also auf in die Bibliothek, wo ich Paul A. Samuelsons «Foundations» entdeckte. Ökonomie war einfach; sie war genau wie Physik! In der Bibliothek stolperte ich ausserdem über Ludwig von Mises, der etwas schwerer zu verstehen war. Ich machte meinen Abschluss. Und Armut zwang mich dazu, mich an der Universität von Kansas einzuschreiben und Wirtschaft zu studieren.

Es stellte sich heraus, dass diese Notwendigkeit eine weitere Glückssträhne freilegte. Auf der Uni wurde Richard Howey mein Mentor. Howey war ein Spezialist für «economic thought» – ein Nischengebiet, das sich auf dem Rückzug befand. Howey hatte sich mit allen möglichen Hilfswerkzeugen bekanntgemacht: Mathematik, Deutsch, Französisch, Italienisch. Howey war von der «marginalistischen Revolution» des ökonomischen Denkens fasziniert und versuchte, ihre Wurzeln in den Arbeiten verschiedener europäischer Gelehrter zu finden. Die Ökonomie ist voller Fragen, die nicht beantwortet werden und sich innerhalb der traditionellen Grenzen der Disziplin auch nicht beantworten lassen. Sobald man die Grundlagen der Ökonomie kennt, lernt man, welch zusätzliches Wissen nötig ist, um jene offenen Fragen zu beantworten, die noch nicht beantwortet sind. Wenn das Erkundungen ausserhalb der Ökonomie erfordert, folgt man jenen Pfaden und lernt Neues.

Offene Fragen führten mich dazu, zu experimentieren, doch jede Antwort führte nur zu neuen Fragen.

Wenn sich ein Markt auf den Begriff eines Gleichgewichts bringen lässt, wie können die Marktteilnehmer dieses Gleichgewicht dann tatsächlich finden? Wie viele Informationen brauchen sie? Angesichts der Tatsache, dass der Tausch in Märkten ohne Nachverhandlungen – Märkte für Konsumgüter – gewissen Regeln folgt, entdeckten wir, dass Menschen mit rein privaten Informationen das Gleichgewicht finden konnten, indem sie sich wiederholt austauschten. Doch in Märkten für langlebige Gebrauchsgüter – Wertpapiere und Immobilien – reichte es nicht, über die gesamten Informationen zu verfügen, war doch die Spannung zwischen dem Gebrauchswert und dem Wiederkaufswert zu gross. In diesen Märkten konnten sich leicht Blasen bilden.

Eigennützige Empathie

Ich wollte wissen, was es bedeutete, in sozialen und ökonomischen Transaktionen verschiedenster Art eigennützig zu handeln. Experimente zeigten, dass die Teilnehmer von «Vertrauensspielen» viel stärker kooperierten, als das die spieltheoretischen Modelle vorhersagten, die von einer Nutzenmaximierungshypothese ausgingen. Die Antwort konnte aber auch nicht «begrenzte Rationalität» lauten, denn die Leute erzielten viel mehr Profit, als wenn sie so gespielt hätten, wie das die Spieltheorie vorhergesagt hatte! Wessen Rationalität ist hier also begrenzt? Für die Verhaltensökonomen war alles ganz klar: Die Antwort war unsere «soziale» Präferenz: empathische Entscheidungen implizieren, dass mein Nutzen nicht nur davon abhängt, was ich erhalte, sondern auch davon, was mein Gegenüber erhält. Aber können wir ernsthaft unsere Wissenschaft retten, indem wir die Menschen einfach mit einer «Es-ist-eben-so-Nutzenfunktion» nachrüsten?

Wenn eine Theorie scheitert, liegen all ihre Bestandteile wie Puzzleteile auf dem Tisch. Unerwarteterweise liefert Adam Smith (1759) einen Rahmen, der einem viel besser dabei hilft, diese Dinge zu verstehen: «Actions of a beneficent tendency, which proceed from proper motives, seem alone to require a reward; because such alone are the approved objects of gratitude…»1 Wenn Menschen kooperieren, geht es um Mitgefühl innerhalb eines Beziehungsprozesses. Der Nutzwert jedes einzelnen ist eigennützig. Aber wir können unseren Gegenübern nicht in die Augen schauen und behaupten, dass wir immer nach diesem Prinzip handeln. Also folgen wir Regeln wie jenen meiner Mutter. Solche Regeln enthalten Wissen über das eigennützige Handeln aller Menschen. Und dieses Wissen erlaubt es uns zu erkennen, wen unser Handeln schmerzt und wer aus unserem Handeln einen Nutzen zieht. Wir können diese Erkenntnis berücksichtigen und somit ein Leben in Eintracht mit unseren Nachbarn führen.

Rückblickend kann ich sagen, dass ich kein grosser Planer war, aber immerhin trotzdem stets wusste, was als nächstes zu tun war. Ich konnte darauf warten, welche Karten mir das Glück zuspielte, und dann selbst die notwendigen Schritte ergreifen.

Ich glaube, das nennt sich Vorsehung.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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