Eine Klasse für sich

Über Richard Langes «Bank of America»

Die USA verstehen sich als Land der «Middle Class». Damit bezeichnet ist im Ideal der allergrösste Teil, bis gegen 70 Prozent, der US-Bevölkerung. Die «Middle Class» soll die vergemeinschaftende Macht im Staate sein: ihr zugehörig fühlen sollen sich von Kurierfahrern über High-School-Lehrerinnen zu Politikern oder Unternehmern alle, die nicht nur für ihr Auskommen sorgen, sondern mehr, aber subjektiv weder «zu viel» noch «zu wenig» haben. Bereits die amerikanischen Gründerväter – später auch Tocqueville, Weber und andere – sahen in dieser Konstellation den Schlüssel zur Vermeidung von Klassenkämpfen, in der Folge wird der «American Dream» zum verlängerten Arm des Ideals: der vielzitierte Tellerwäscher soll und kann nur dank breiter und durchlässiger «Middle Class» zum Millionär werden.

Die Realität allerdings verkehrt aktuell in Gegenrichtung: Die Durchschnittsvermögen amerikanischer Haushalte fallen, allein zwischen 2007 und 2014 um ganze 6,5 Prozent. Das mag vielschichtige Ursachen und Auswirkungen haben, 2012 bezeichnete sich aber erstmals ein Drittel der Amerikaner als «der Unterschicht zugehörig». Die Folge: Abstiegsangst. Kein Präsidentschaftskandidat kommt mehr ohne Plädoyer zur Entlastung oder Stützung der «Middle Class», der stärksten und einflussreichsten Wählerschicht, aus. Es vergeht kein Jahr ohne populäre Sachbücher zum Thema, Serien wie «Breaking Bad» bewegen ein Millionenpublikum.

Richard Lange beleuchtet diese Schlüsselschicht. Die «Helden» seiner Romane und Kurzgeschichten sind alternde Küchenangestellte, Ex-Bodyguards auf Bewährung, ständige Motelbewohner oder gehetzte Familienväter, alle mit dem Ziel, nicht abzusteigen. Die vorliegende Kurzgeschichte «Bank of America» macht da keine Ausnahme. Sie erschien erstmals 2004 – nach Jonathan Franzens «Corrections», aber lange vor Walter White – und illustriert mit seither wachsender Relevanz das Ende vieler vermeintlicher Gewissheiten der «Middle Class». Die Essenz? Das Rückgrat der amerikanischen Gesellschaft, eigentlich doch «too big to fail», kämpft längst und mit allen Mitteln ums Überleben.