Eine Katze ist eine Katze

Der Holzplastiker Severin Müller

Eine Katze ist eine Katze

Drei Katzen. Die helle in der Mitte, die beiden dunklen rechts und links. Sie sind von kräftiger Statur, sie sitzen aufrecht, die Ohren sind gespitzt. Aufmerksam blicken sie herab vom Podest. Gewiss nicht auf dieselbe Maus, denn sie hocken zwar nebeneinander, doch ihre Körperachsen weisen in leicht verschiedene Richtungen. Ein Fächer aus Katzen also. Eine Katze allein wäre eine ganz gewöhnliche Katze, drei Katzen in Körperkontakt nebeneinander, die in Katzenmanier drei verschiedene Punkte fixieren, macht jede der Katzen zu einer ungewöhnlichen Katze.

Eine Katze sei eine Katze und keine Metapher, sagt Severin Müller herb, der die drei aus Holz geschnitzt hat. Drei Katzen seien drei Katzen. Mehr gebe es nicht zu sagen. Der Bildhauer ist kein Mensch der vielen Worte. Seine Skulpturen sollen eigenständig in der Welt bestehen können und auch ohne Kontext oder Hintergrundinformationen verstanden und gemocht werden.* Am wichtigsten sei für ihn, dass seine Objekte autonom funktionieren. Sie sollen selbstgenügsam sein, nur auf sich verweisen, und haben es nicht nötig, irgend etwas anderes zu sein als sie offensichtlich sind. Wozu bräuchte es daher Erläuterungen des Künstlers?

Viel zu didaktisch erscheint dem Bildhauer daher auch die Erklärung auf die neugierige Frage, wie seine Skulpturen entstehen und was ihr Vorbild sei. Auf seinem Arbeitstisch liegen Ausrisse aus Tageszeitungen; oft sind es Photographien von Menschenansammlungen – Leonid Breschnew und Willy Brandt, die sich, umringt von ihrem Gefolge, 1973 über den Verhandlungstisch beugen, die Grossfamilie Bin Laden, aufgenommen 1971, wie sie sich um einen Cadillac gruppiert. Von diesen Aufnahmen finden sich Umrissskizzen und kleine, dreidimensionale Modelle aus Wellpappe. In den Ecken und an den Wänden des Ateliers hocken und lehnen Umsetzungen in Holz. Doch aufgepasst: «Politische Kunst ist nicht möglich. Wer als Künstler Politik machen will, muss auf der Strasse demonstrieren».

Severin Müller interessiert, was herauskommt, wenn er die zweidimensionalen Photographien in dreidimensionale Objekte umsetzt, um die er herumgehen kann. Mal sind seine Skulpturen grob aus massivem Holz mit der Motorsäge herausgeschnitten, mal mit der Axt aus Holzplatten gehauen, und ob es nun Menschen oder Katzen sind, die Skulpturen sind immer etwas grösser sind als erwartet. Es ist, als ob durch die Grösse die bodenständige Machart aufgewogen werden solle. Das hat etwas kokett Überhebliches.

Mitten in seinem Atelier in einem ehemaligen Industrieareal in der Nähe Zürich steht ein weiteres Podest aus Holz in der Form eines Blumentopfs, daraus ragen Blumen, gesägt aus dicken Spanplatten. Rote Blüten, in der Art, wie Kinder sie malen, sitzen auf kurzen schwarzen Stengeln. Eine Blume ist eine Blume ist eine Blume? Ein zweiter Blick offenbart: die Blüten sind ein Regenschirm, den eine Windbö nach aussen gestülpt hat, die Stengel sein Schaft, der von einem Menschen gehalten wird, dessen Oberkörper aus dem Podest ragt: das aufgemalte Gesicht ist dasjenige George W. Bushs – eine in Holz geschnitzte Momentaufnahme des amerikanischen Präsidenten, wie er bei einem Unwetter mit einem Regenschirm über den roten Teppich schreitet, der vor der Falltreppe des Flugzeugs ausgelegt ist.

Verstehen – so sind wir es gewohnt – bedeutet Zeichen zu interpretieren. Wörter etwa verweisen immer auf etwas anderes, weisen weg von sich, weisen weiter auf das, was sie bedeuten. Der rauhe Charme der Skulpturen von Severin Müller hingegen genügt sich selbst. Sie lassen sich nicht für etwas anderes vereinnahmen, stehen nicht im Dienst einer Botschaft. Ihre unmittelbare Sinnlichkeit ist ihr Sinn. Ihre statische Präsenz besitzt eine heitere Unbeschwertheit. Von der Decke baumelt eines seiner jüngsten Werke: je an einem eigenen Faden die Infantin, die beiden Kammerzofen, die Zwerge, der Hund, der Spiegel, der Maler mit dem Pinsel in der Hand. Velasquez’ «Las Meninas» als Mobile, leicht im Luftzug der offenen Fenster und Türen tanzend.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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