«Eine Gesellschaft, die keine Werte hat»

China bringt grosse Firmen und Unternehmer hervor. Aber was ist mit Werten jenseits des Geldes?

 

Seit sich China wirtschaftlich geöffnet hat, verfügt das Land über Unternehmer. Wer sind sie?
In diesem Land ereignet sich der Fortschritt so rasch, dass es schwierig ist, von Generationen zu reden; eine Generation dauert heute vielleicht noch zehn Jahre, und dann kommt etwas Neues. Die Gründergeneration der 1980er Jahre kommt aus extrem armen Verhältnissen, entstammt meist dem Landleben nach der Kulturrevolution. Sie ist extrem sparsam, mich erinnert sie etwas an die Nachkriegsgeneration in Deutschland. Unternehmer, die in den letzten zehn Jahren gegründet haben, kennen dagegen die schlechten Zeiten nur noch vom Hörensagen, sind im Aufschwung aufgewachsen. Sie zeigen ihren Wohlstand gerne und protzen auch damit – was durchaus akzeptiert wird in China. Anders als in Deutschland ist es keine Neidgesellschaft, gelebt wird mehr die US-amerikanische Mentalität von Versuch und Scheitern. Das extreme materielle Ungleichgewicht, das zwischen den Bürgern herrscht, hält China offenbar aus, weil jeder und jede daran glaubt, selbst aufsteigen zu können.

Bei uns sind viele Führungskräfte, die die Digitalisierung in Schwung bringen sollen, meist über 50. Die chinesische Bevölkerung jedoch ist jünger – Durchschnittsalter 33 – und auch risikofreudiger.
Risikofreude und fortschrittliches Denken ist nicht vom Alter abhängig. Auf dem Gemüsemarkt etwa bezahlen auch 60- bis 80jährige Chinesen ihren Kohl ganz selbstverständlich bargeldlos mit dem Smartphone. Es ist ganz generell eine Neugier gegenüber allem Neuen da, die in Europa nicht zu beobachten ist. Während wir darüber diskutieren, ob das Instrument der Gesichtserkennung erlaubt sein soll, pickt die chinesische Polizei ganz selbstverständlich Gesuchte heraus, wenn sie diese bei Events auf einer Grossleinwand erkennt – und das geschieht mit dem breiten Support der Bevölkerung. Auch bei KFC kann man bezahlen, indem man einfach nur sein Gesicht zeigt. Es gibt auch Supermärkte ohne Verkaufspersonal.

Sind chinesische Unternehmer generell risikofreudiger?
Die privaten Unternehmen werfen ein Produkt auch schon auf den Markt, wenn es erst vielleicht zu vier Fünfteln ausgereift ist, und verbessern es dann nach und nach. Die europäische Entwicklung dagegen ist sehr viel stärker von nach Perfektion strebenden Ingenieuren getrieben.

Wie ist die Rechtssicherheit in China?
Sie ist etwas besser geworden in den letzten Jahren. Die Unsicherheit aber hängt wie ein Damoklesschwert über jedem Unternehmer. Der Staat hat so viele Möglichkeiten, einzugreifen und zu sanktionieren. Wenn er will, findet er immer etwas. Wer in China Geschäfte macht, muss mit dieser Unsicherheit leben.

Sie schreiben, es gebe heute 552 Dollar-Milliardäre in den USA, aber 647 Dollar-Milliardäre in China. Und: von 88 Selfmade-Milliardärinnen weltweit kommen 56 aus China.
Wer im riesigen Binnenmarkt China eine gute Idee hat, kann sein Produkt rasch in riesigen Mengen verkaufen und so schnell reich werden. Das ist auch der Unterschied gegenüber Japan, vor dessen Entwicklung man sich in Europa vor Jahrzehnten gefürchtet hat. Anders als Japan hat China nach 1978 ausländische Unternehmen ins Land gelassen. Es wurden dann auch Privatunternehmen zugelassen.

Zwischen 1956 und 1978 gab es nur Staats- und Kollektivunternehmen in China, also keine privaten Unternehmer, keine ausländischen Investoren. Was hat sich seit dann getan?
Es war der Sprung vom Mittelalter direkt ins 21. Jahrhundert. Chinas aktuelle Staatsform ist ein Hybrid, eine Art Autokratie mit marktwirtschaftlichen Elementen. Sie fordert unser eigenes Weltbild heraus, denn wir haben bisher immer angenommen, dass ab einem gewissen Wohlstandsniveau Marktwirtschaft und Demokratie zwingend zusammengehen.

Der chinesische Staat lässt seinen Unternehmern einerseits Freiraum, Bottom-up, und greift andererseits stark in die Wirtschaftsordnung ein, Top-down. Was ist besonders am chinesischen Wirtschaftssystem?
Bei «China 2025» kann man beobachten, wie dieses System funktioniert. In die in diesem Strategieplan definierten Zukunftsbranchen investiert nicht nur der Staat viel Geld, sondern auch das Volk, die Unternehmer. Sie demonstrieren Loyalität gegenüber der Regierung,…

Reich unter dem Himmel
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Der chinesische Traum ist nicht der amerikanische. Die Weltgemeinschaft ist gefordert, sich auf eine gemeinsame Suche nach der Rolle Chinas einzulassen.