Eine Frage der Zeit

Erfolgsexpress Abenteuerroman

Verfasser von Abenteuergeschichten hatten es meist nicht leicht. Sie waren die Stiefkinder der Literaturgeschichte. Geliebt vom Publikum, wurden sie vom gehobenen Feuilleton im besten Fall ignoriert. Ich denke an Robert Louis Stevenson, der lange warten musste, bis er seinen Status als Klassiker erlangen konnte; ich denke an Jules Verne und James Fenimore Cooper. Diese Ignoranz der Besserleser hatte ihre Gründe.

Ortega y Gasset nannte das Vergnügen an abenteuerlichen Verwicklungen in einem berühmten Essay der 1920er Jahre «kindisch» und fand, es sei dem hochentwickelten Empfindungsvermögen des modernen Menschen nicht angemessen. Das sah man in literarischen Kreisen offensichtlich lange Zeit genauso. Man zog den eher formlosen Feinsinn des psychologischen Romans vor: das seelische Interieur von Selbstmördern aus Glücksüberschwang, Mordlust aus Menschenliebe, oder Ehepartner, die einander derart vergöttern, dass sie sich das Leben zur Hölle machen.

Immerhin hat sich die Abneigung gegenüber einem handfesten äusseren Geschehen in den letzten Jahren ganz offensichtlich ins Gegenteil gekehrt. Heute scheint es ohne historische Abenteuer auch in der sogenannten seriösen Literatur nur selten zu funktionieren, wenn mehr als 50 Bücher verkauft werden sollen. Christoph Ransmayr hat es 1984 mit den «Schrecken des Eises und der Finsternis» vorgemacht, unlängst überschlugen sich die Kritiker bei der Lektüre von Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt». Jetzt ist auch Alex Capus auf diesen Erfolgs-Express aufgesprungen.

Sein neuer Roman «Eine Frage der Zeit» bringt uns am Vorabend des Ersten Weltkriegs ins Herz Afrikas. Dort möchte Kaiser Wilhelm sein Einflussgebiet ausdehnen. Dazu wird der Dampfer «Götzen», zerlegt in seine Einzelteile, von Norddeutschland bis nach Daressalam in Deutsch-Ostafrika verschifft und von dort per Eisenbahn an den Tanganjikasee transportiert, wo er die Ufer des riesigen Gewässers und damit die angrenzenden Kolonien beherrschen soll. Erst einmal muss er jedoch zusammengesetzt werden, und zwar von den deutschen Schiffbauern Anton Rüter, Rudolf Tellmann und Hermann Wendt. Das dauert, bis der Schuss von Sarajewo die Welt auf den Kopf stellt. Jetzt senden auch die Engländer, die von der «Götzen» nichts wissen und das gleiche im Sinn haben wie ihre deutschen Kontrahenten, unter Führung des schneidigen Commanders Geoffrey Spicer-Simson zwei kleine Schnellboote auf dem weit strapaziöseren Landweg an den See, mit dem Auftrag, die dort stationierten altersschwachen Schiffe der Deutschen, von denen sie Kenntnis haben, zu zerstören.

So weit, so absurd. Capus erzählt diese historische Groteske, die sich in ihren Hauptzügen tatsächlich so begeben haben soll, mit scharfem Blick für die Absurdität kolonialer Grossmannssucht und imperialer Verstiegenheit. Sein Kunstgriff besteht darin, das Geschehen aus dem Blickwinkel der eher biederen und ganz unmilitärischen Beteiligten zu berichten, die sich unversehens in einem gigantischen Schlamassel befinden. Ein Schlamassel, der für einige der Beteiligten zwar tödlich endet, insgesamt aber doch eher skurrile Züge trägt; so wenn die «Götzen», ohne je einen Schuss abgegeben zu haben, von den eigenen Männern im flachen Wasser versenkt wird, während man auf der anderen Seite zu verbergen versucht, dass die kleinen Schnellboote durch die eigenen Schussversuche unbrauchbar geworden sind. Das Ganze gerät am Ende ziemlich komisch, und das Geschehen wirkt wie ein Treppenwitz der Geschichte.

«Noch war die Welt nicht ganz vertheilt! / Noch manche Flur auf Erden / Harrt gleich der Braut: die Hochzeit eilt! / Des Starken will sie werden. / Noch manches Eiland lockt und lauscht / Aus Palmen und Bananen: / Der Seewind braust, die Woge rauscht, / Auf, freudige Germanen!» So hatte Felix Dahn 1886 in einem «Lied der Deutschen» gedichtet. Gegenwärtig hört man Ähnliches aus anderen Teilen der Welt – verbrämt mit Parolen von Freiheit und Demokratie. Vermutlich endet auch die moderne Form der Kolonisierung nicht ganz so humorig wie bei Capus, dessen Buch…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»