Eine ethnologische Forschungsreise in die Schweiz

Bis vor wenigen Jahren galten Fragen der nationalen Identität noch als verstaubte, wenn nicht geradezu faschistoide Relikte. Bezeichnend, wie Pia Reinacher in «Je Suisse» (2003) die neue Generation Schweizer Autoren dadurch charakterisierte, dass für diese die Schweiz kein Thema mehr sei. So erscheint es fast als paradox, wenn es heute ausgerechnet Autoren ausländischer Herkunft sind, die sich dieses Stoffs annehmen. Es gibt tatsächlich kaum Schriftsteller, die sich stärker mit der Schweiz beschäftigen, als die, die von auswärts gekommen sind. Zu ihnen gehört auch Yusuf Yesilöz. 1964 in einem kurdischen Dorf in Mittelanatolien geboren, kam er 1987 als politischer Flüchtling in die Schweiz.

Mit «Lied aus der Ferne» liegt nun bereits sein sechstes Buch in der Sprache seiner Wahlheimat vor. Diesmal hat sich Yesilöz an ein neues Genre gewagt: den Kriminalroman. Krimifans seien allerdings gewarnt: wer eine spannende Geschichte erwartet, sieht sich rasch enttäuscht. Der Mordfall spielt nur nebensächlich eine Rolle; vielmehr benutzt Yesilöz die Kriminalgeschichte als Einstieg in die Welt der kurdisch-türkischen Gemeinschaft in der Schweiz. Die Ermittlungen der Polizei kommen somit fast einer ethnologischen Forschungsreise gleich. Yesilöz geht dabei auch heiklen Aspekten der Immigration nicht aus dem Weg, den dramatischen Konsequenzen der traditionellen Heiratsvermittlung etwa, oder dem Druck von Verwandten auf Familienmitglieder, die es bis nach Europa geschafft haben. Yesilöz’ Stärke liegt im Anekdotischen. Köstlich sind die Szenen, in denen etwa die türkische Polizei in der Zürcher Krankenkasse PKK eine verdeckte Unterstützung für die kurdische Arbeiterpartei vermutet, oder in denen die Türken Strategien entwerfen, um in Schweizer Krankenhäusern die fade Spital-Leichtkost durch Böreks und Baqlawa zu ersetzen. Es finden sich auch bemerkenswerte poetische Stellen, zur Entstehungsgeschichte Kurdistans etwa, als Allah beim Beten den Kopf im falschen Moment senkt, sodass den Kurden ein falscher Platz zugewiesen wird. Solche glänzenden Passagen können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass in stilistischer Hinsicht noch vieles hapert. Man hätte dem Buch durchaus einen strengeren Lektor gewünscht, der den Überfluss an kurdischen Sprüchen beschnitten hätte und die Figuren nicht nach jeder (vermeintlich) lustigen Aussage lachen lässt, fast als würde es sich um ein Lachband handeln. Trotz solchen Schwächen des Stils und der Konzeption ist der Roman mit Gewinn zu lesen, denn er führt in eine andere Schweiz, von der wir kaum etwas wissen. Es gibt hierzulande sicherlich Autoren, die besser schreiben als Yesilöz, nur wenige aber haben uns soviel Neues zu erzählen wie er.

besprochen von Jeroen Dewulf, Middelkerke

Yusuf Yesilöz: «Lied aus der Ferne». Zürich: Limmat, 2007.

«Der Entkalker fürs Hirn:
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einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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