Eine Allzweckwaffe für alle

Als sich Künstler gegen den Moralismus aufgelehnt haben: Eine Tour d’Horizon der Avantgarde-Manifeste des 20. Jahrhunderts.

 

Wer dieser Tage Moralisierung kritisiert, macht sich schnell einer rechten Gesinnung verdächtig. In Tat und Wahrheit ist es zu einer beliebten Strategie von Rechtsaussen geworden, Gegner mundtot zu machen, indem man ihnen Moralisierung, Moralismus, Hypermoral vorwirft. Dass viele Kritiker des Moralismus selbigem keineswegs abhold sind, sondern einfach ihren Moralismus durchdrücken wollen, so wie viele Kritiker des Mainstreams von heute sich einfach nur den Mainstream von gestern zurückwünschen – geschenkt.

Unter dieser Idiotisierung des Diskurses leiden insbesondere jene, denen der öffentliche Gebrauch der Moral zwar suspekt ist, die ihre Kritik an der Moralisierung aber anders begründen als selbstgerechte Ideologen. Diese Menschen werden schnell einmal mit Trollen und Wutbürgern in eine Schublade gepackt, wenn sie anmerken, dass moralische Begründungen keine Letztbegründungen seien und oftmals auf Kosten der Argumentation gingen, sprich: dogmatisch würden.

Die Kritik an den Unzulänglichkeiten eines vereinfachten moralischen Diskurses, der seine Prämissen absolut setzt – wie könnte man abstreiten, dass dies gut und jenes schlecht ist? –, ist mitnichten auf dem Mist von Rechtsradikalen gewachsen. Bereits im «Kommunistischen Manifest» (1848) halten Karl Marx und Friedrich Engels fest, für «den Proletarier» – man weiss nicht so recht, ob Proletarierinnen mitgemeint sind – sei Moral ein «bürgerliches Vorurteil», hinter dem nur Machtinteressen stünden. Ulkig also, dass heute viele Vertreter der ins Völkische entglittenen Rechtspartei Alternative für Deutschland (AfD) in der Moral ihrer Gegner ebenfalls nur Machtinteressen und Vorurteile sehen – zeichnet sich da etwa eine Bestätigung der Hufeisentheorie ab?

Dadaisten gegen Moralisierung

Auch ein Blick in die Kunstgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts zeigt, dass die Kritik an Moral und Moralismus ideologisch unspezifisch ist. So polemisierten die des Rechtsradikalismus eher unverdächtigen Dadaisten gegen Moralisierung. In seinem Dada-Manifest des Jahres 1918 schrieb Tristan Tzara, «Moralität» habe mit Güte nichts gemeinsam: «Güte ist klarsichtig, hell und entschieden, unerbittlich gegen Kompromiss und Politik. Die Moralität ist Schokoladeaufguss in den Adern aller Menschen. Diese Aufgabe wird von keiner übernatürlichen Kraft angeordnet, sondern vom Trust der Gedankenhändler und der akademischen Aufkäufer.»

Die Dadaisten misstrauten moralischen Sonntagsreden und öffentlichen Bekenntnissen zum Wahren, Edlen, Guten. Wer braucht schon so viele hehre Erläuterungen, wenn er voller Güte ist? Haben diejenigen, die so eifrig betonen, dass sie auf der richtigen Seite stehen, vielleicht etwas zu verbergen? Tzara bezog sich in seinem Manifest implizit auf die Priesterbetrugstheorie der französischen Aufklärung, Marx’ und Engels’ Theorie des Vorurteils und Friedrich Nietzsches Moralphilosophie. Letzterer hatte beobachtet, wie aus Schwachen Starke wurden; wie der Stand der Bürger den Stand des Adels ablöste. In den Worten des Philosophen Daniel-Pascal Zorn kritisierte Nietzsche, dass die Schwachen auf ihrem Weg zur Macht die «gleiche Gewalt gegen die Starken [anwenden], wie die Starken vorher gegen sie. Nur ist diese Gewalt zunächst moralisch, nicht physisch.» Die Betonung liegt auf «zunächst».

Der machtgetriebenen Moral hielten die Dadaisten das Absurde entgegen – nicht weil sie die Zersetzung der Ordnung anstrebten, wie ihnen kulturkonservative Rechte vorwarfen, sondern um nicht in die Falle zu tappen, Moralität mit noch mehr Moralität zu bekämpfen. Allerdings blieb es nicht dabei. Sahen die Nazis im Dadaismus eine Verschwörung von Linken und Juden, so wandelte sich der Dada-Mitbegründer Hugo Ball binnen weniger Jahre von einem Priester des Absurden zu einem reaktionären, zumindest zeitweise auch antisemitischen Katholiken. Mit seinem Briefkorrespondenten Carl Schmitt, dem späteren NS-Juristen, verband ihn eine tiefe Ablehnung der westlichen Moderne. 1926 schrieb Ball in einem Essay: «Es ist nötig, die Sozietät vor einem Primitivismus zu schützen, der den Sturz der traditionellen Moralbegriffe herbeizuführen versucht, ohne die Garantien einer wahrhaften Förderung des Volkswohls aufzeigen zu können.»

«Moral in voller Konsequenz zu leben,

auch was den moralischen Gebrauch der Mittel betrifft,

wäre die höchste Form der Lebenskunst.»

Die eine…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»