Ein Zürcher in Wien

Unter dem Titel «Dem Österreichischen auf der Spur» legt Charles E. Ritterband, Wiener Korrespondent der NZZ, Reportagen und Glossen über unser östliches Nachbarland vor, die er zwischen 2002 und 2009 verfasst hat. Es ist ein geistreiches und unterhaltsames Buch geworden, und wer sich auf amüsante Art mit Österreich vertraut machen oder eigene Erfahrungen an den Erfahrungen des Autors überprüfen will, findet hier eine anregende und vergnügliche Lektüre. Die Karikaturen von Michael Pammesberger tragen wesentlich zum Vergnügen bei und verstärken den Gesamteindruck einer Darstellung, in der sich das Tiefsinnige und Ernsthafte oft ins Gewand des Humorvollen, zuweilen auch des Satirischen kleidet.

Wenn früher die Auslandkorrespondenten grosser Zeitungen in den Metropolen sassen und wenn einst Niklaus Meienberg dem NZZ-Korrespondenten Tütsch nicht ohne Grund vorwarf, dieser denke nicht daran, das politische Pariser Parkett je zu verlassen, so beeindruckt Ritterband durch seine unermüdliche Neugier und die Weite seiner Interessen. Zwar behält auch bei ihm die Wiener Politik mit ihren oft kuriosen Verschlingungen einen wichtigen Platz, aber er reist auch kreuz und quer im Land umher, und nicht zufällig trägt sein Buch den Untertitel «Expeditionen eines NZZ-Korrespondenten». Ritterbands Interesse gilt nicht nur der Politik, sondern auch der Kultur, dem Alltag, den Sitten und Gebräuchen. Er besichtigt fast alle Bundesländer, vom Burgenland bis nach Vorarlberg, er spricht mit Bürgern und Bürgermeistern, mit Prominenten und Aussenseitern, und es gelingen ihm eindrückliche Porträtskizzen von Städten wie Linz, Baden bei Wien, oder Graz, aber auch vom Städtchen Eisenerz, in dem Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» verfilmt wurde, oder vom Tiroler Dörfchen Fiss mit seinem uralten Maskentreiben.

Von den Politikergestalten ist eine in diesem Buch omnipräsent: der 2008 tödlich verunglückte Landeshauptmamn von Kärnten, Jörg Haider. Ritterband widmet der charismatischen Wirkung dieser Führergestalt eine kritische Analyse und zeigt, wie sehr dessen Popularität in einem Geschichtsbewusstsein verwurzelt war, das die nationalsozialistische Vergangenheit des Landes bis heute nicht wahrhaben will. Für antiliberale und rassistische Tendenzen hat der Autor überhaupt ein feines Gehör, handle es sich nun um den Umgang mit der slowenischen Minderheit in Kärnten, um die skandalöse Vernachlässigung eines schützenswerten jüdischen Friedhofs in Wien oder um die Diskriminierung von Schwarzafrikanern in Graz. Ritterband hütet sich vor abschliessenden und pauschalen Urteilen ebenso wie vor Klischees; aber er ergründet mit feiner Ironie jene Klischees, die die Österreicher mit grossem Geschick selbst fabrizieren, um sich nach aussen möglichst vorteilhaft darzu-stellen.

Charles Ritterband: «Dem Österreichischen auf der Spur. Expeditionen eines NZZ-Korrespon-denten». Zürich: Neue Zürcher Zeitung, 2009

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»