Ein wahrhaft weites – und vermintes – Feld

Ein komisches Buch. «Liebe, Lüge, Libertinage. Eine Expedition zu den Leidenschaften in der gegenwärtigen Literatur» heisst die Studie der Kritikerin und Literaturwissenschafterin Pia Reinacher. Sie begreift ihr Vorhaben als eine «Expedition in die zeitgenössische Literatur, die zu eigenen Streifzügen verführen soll. Sie besichtigt den gesellschaftlichen Umbruch auf einem Kerngebiet: der Beziehung der Geschlechter». In einem […]

Ein komisches Buch. «Liebe, Lüge, Libertinage. Eine Expedition zu den Leidenschaften in der gegenwärtigen Literatur» heisst die Studie der Kritikerin und Literaturwissenschafterin Pia Reinacher. Sie begreift ihr Vorhaben als eine «Expedition in die zeitgenössische Literatur, die zu eigenen Streifzügen verführen soll. Sie besichtigt den gesellschaftlichen Umbruch auf einem Kerngebiet: der Beziehung der Geschlechter». In einem eigentümlichen Verfahren, das sich zwischen dem close reading, einer genauen deutenden Lektüre, und der «dichten Beschreibung» von Cifford Geertz bewegt, liest sie, von Harold Brodkey, Irene Dische und Marguerite Duras bis Martin Walser, Markus Werner und Urs Widmer, der gegenwärtigen Literatur die «Grundmuster der Liebe und des Begehrens» ab.

Die Lektüre ist zwar theoretisch angeleitet, doch dienen Pia Reinacher die literarischen Vorlagen keineswegs als Belege theoretischer Einsichten. Im Gegenteil; es geht ihr stets um deren differenzierte und darum entsprechend detaillierte Entfaltung. So beschreibt sie, anhand der Romane und Erzählungen, immer bestimmte Verhaltensweisen und Einstellungen von der Verführung bis zur Verzückung, von der Täuschung bis zur Lüge. Sie zielt weniger auf allgemeine Gesetzmässigkeiten, sondern eher auf die besondere Erscheinungsform. Auf diese Weise will sie das veränderte Verhältnis in der Beziehung der Geschlechter, das heisst die Liebes- und Beziehungskrisen in Zeiten einer auf Konsum programmierten Gesellschaft, erfassen. Jeder Fall, der dargestellt wird, steht erst einmal für sich; sei es Urs Widmers Beschreibung der unglücklichen Liebe seiner Mutter zu dem berühmten Dirigenten Paul Sacher, sei es Philip Roths Achterbahnfahrt der Liebe zwischen Fik­tion und Täuschung. «Lügen und Täuschungen sind Teil der sozialen Praxis.»

Diese Praktiken sind zwar tabuisiert und werden deshalb stillschweigend vollzogen, beziehungsweise heimlich akzeptiert, aber sie sind auch notwendig zur Konfliktbewältigung und, mehr noch, zur «gemeinsamen Wirklichkeitskonstruktion». Aber selbst solche verallgemeinerbaren Einsichten werden, wie hier bei Roth, wieder auf den Einzelfall zurückbezogen: «Die Frage nach der Liebe hat sich in dieser paradoxen Versuchsanlage von selbst erledigt, aufgelöst wie ein Stück Zucker im Wasser.» Der Autor erweist sich hier als «absoluter Herrscher über Realität und Fiktion».

An Gabriel Garcia Marquéz’ «Die Liebe in Zeiten der Cholera» zeigt Pia Reinacher eine exemplarische Entwicklung für den modernen Roman auf: die Bindung körperlichen Begehrens an die Phantasie. Die Strategie des Helden führt nur dank «einer Parallelaktion zum Erfolg: das Stimulieren der Imagination». Daraus schliesst sie: «Liebe entsteht dort, wo Konstruktion, Projektion, Erfindung und Entwurf möglich sind.»

Pia Reinacher präsentiert ihre Analysen auf weite Strecken hin erzählend. Es gibt keine Lehren, die man aus der Lektüre ziehen kann (noch sollte). Es gibt die Fülle der Möglichkeiten. Man sieht den Helden Genazinos zwischen seinen beiden Geliebten lavieren, man sieht die Kontrahenten Markus Werners sich gegenübersitzen, man spürt den Eros, der Bodo Kirchhoff antreibt.

Wie gesagt: ein komisches Buch. Es analysiert Literatur und handelt doch nur vom Leben, von unserem gegenwärtigen Leben.

vorgestellt von Martin Lüdke, Frankfurt a. M.

Pia Reinacher: «Liebe, Lüge, Libertinage. Eine Expedition zu den Leidenschaften in der zeitgenössischen Literatur». Berlin: Berlin University Press, 2008

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»