Ein Schreibtisch im Flughafen

Eine Woche lang durfte der Schriftsteller Alain de Botton seinen Schreibtisch in den Terminal 5 des Londoner Flughafens Heathrow verlegen. Dessen Eigentümer Grupo Ferrovial, ein weltweit operierendes Unternehmen der Dienstleistungsindustrie, hatte den durch seine alltagsphilosophischen Bücher berühmten Autor als writer in residence engagiert. De Botton quartierte sich in einem neben dem Terminal liegenden Hotel ein und begab sich mit dem notwendigen Ernst an die Arbeit. Er schaute hinter die Kulissen des Flughafenbetriebs, beobachtete Sicherheitskräfte und Servicepersonal bei der Arbeit und sprach mit Passagieren, Stewardessen und Flughafenseelsorgern. Am Ende seines Aufenthalts war es ihm sogar vergönnt, den Vorstandsvorsitzenden von British Airways zu interviewen, um dabei herauszufinden, dass auch dieser, wie der Autor selbst, immer wieder staunen muss, wenn eine der riesigen Flugmaschinen seines Unternehmens vom Boden abhebt.

Alain de Bottons Kunst besteht darin, seine Beobachtungen alltäglicher Vorgänge und Verrichtungen in eine elegante, manchmal auch ironische Prosa zu giessen, die den Anschein erweckt, als reflektiere sie gleichzeitig mühelos die gesamte Kulturgeschichte der Menschheit. In der exklusiven Concorde Lounge kommt ihm das revolutionäre Potential der christlichen Heilslehre in den Sinn, und die Tatsache, dass man in Flugzeugen – in der Economyklasse leider immer seltener – Essen serviert bekommt, lässt ihn an jene Zeiten denken, da wir «zu Ehren der Kornernte Dankfeste feierten und Tiere opferten, um die Fruchtbarkeit der Erde auch für die Zukunft zu sichern». Damals werde es wohl auch gewesen sein, dass sich Arbeitskräfte noch einfacher hätten motivieren lassen, dank Griff zur Peitsche, während heutzutage Motivationsseminare und andere Privilegien eingeführt worden seien, um die Angestellten von Fluggesellschaften zur Freundlichkeit gegenüber den Passagieren zu bewegen. Allerdings erfährt der Leser im folgenden Abschnitt, dass eine solche Eigenschaft eher ein Produkt familiärer Erziehung als eines ausgeklügelten betrieblichen Motivationssystems sei, womit Eltern «als die wahre Personalabteilung des globalen Kapitalismus» zu gelten hätten.

Bei «Airport. Eine Woche in Heathrow» handelt es sich um eines jener Bücher, wie der Autor selbst im grössten Buchladen des Flughafens nach ihnen Ausschau hält, solche nämlich, «in denen eine freundliche Stimme Gefühle zum Ausdruck brachte, die der Leser längst kannte, aber noch nie recht verstanden hatte …».

Alain de Botton: «Airport. Eine Woche in Heathrow». Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Frankfurt a.M.: S. Fischer, 2010

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