Ein Regenwurm hebt ab

Urs Widmer: Stille Post. Kleine Prosa. Zürich: Diogenes, 2011.

Erinnern Sie sich? Wir sassen an einem Tisch und haben uns reihum einen Satz ins Ohr geflüstert – damals als Kinder an Geburtstagspartys. Je mehr Ohren, desto unverständlicher das Ergebnis, und der Letzte in der Reihe verkündete schliesslich ein einziges Gestammel. Wir haben uns krumm und schief gelacht und fingen von vorne an. Das Spiel heisst in Deutschland «Stille Post» – genauso wie das neue Buch mit Kurzprosatexten von Urs Widmer. Dort treibt er das Spiel weiter, als Experiment und ganz in Widmerscher Manier.

Der Autor hat sich an einen Tisch gesetzt, zusammen mit einem Spanier, einem Chinesen, einer Engländerin, einem Russen und einem Franzosen. Seine zu diesem Zweck geschriebene Geschichte «Erste Liebe. Ein Brauch» hat er dann dem Spanier «ins Ohr» geflüstert – d.h. zur Übersetzung in die Mailbox geschickt, dieser, nach getaner Arbeit, dem Chinesen und so weiter und so fort. Und dann hielt Urs Widmer sein eigenes Ohr hin, um zu hören, was seinem Text auf der Reise rund um die Welt geschehen war. Um es vorwegzunehmen: Urs Widmer war entsetzt. Aus der verspielten Geschichte, einer Art «Initiationsritus», wie er sagt, war ein knochentrockenes, bierernstes Etwas geworden.

Was wäre das Lesen im allgemeinen und das Lesen von Literatur im besonderen, wenn nicht Form der Über-setzung? Wenn nicht Übertragung der Sätze in die je eigene Welt, ins je eigene Getümmel von Erfahrungen, Vorstellungen, Vorurteilen…? Nichts käme ohne Übersetzung dabei heraus als Langeweile und Öde – ein Häufchen Buchstaben vielleicht, gerade wert genug, zusammengekehrt zu werden. Und was wäre (ist) erst das Schreiben von Literatur ohne Übersetzung in die eigene Sprache? Siehe oben.

Urs Widmer beherrscht diese Übersetzungskunst wie kein anderer Schweizer Autor. Mit enormer Sprungkraft hebt er ab vom gängigen und – sehr oft – vom realistischen Boden. Was er zu sagen hat, kleidet er in Mythen, Legenden und Märchen. Er pocht auf das Recht der Phantasie – um nicht zu sagen, auf die Pflicht dazu. In seiner Rede zur diesjährigen Eröffnung der Klagenfurter Tage der deutschsprachigen Literatur formulierte Urs Widmer blumig: «Vielleicht sind die Dichter auch heute für Sprache so etwas wie das, was die Regenwürmer für die Erde sind. Sie halten sie schön locker und sorgen dafür, dass aus ihr etwas gedeihen und wachsen kann.»

Schon der Anfang von «Reise nach Istanbul» pflügt zu Beginn des Buches den Boden um, und es «gedeiht» beim Lesen zunächst ein Stirnrunzeln, dann rasch ein unaufhaltsames «Wachsen» von Gedanken, ein Spriessen von Vorstellungen und ein Blühen von Bildern. Auch die Konfusion nimmt ihren Lauf. Als ein Zug an einem Grenzort anhält, steigt der Erzähler aus, um Zeitungen zu kaufen. Er verlässt auch kurz den Bahnhof, flaniert ein wenig am Ort und will zurück. Die Strasse, auf der er eben noch ging, ist aber dann schon nicht mehr da. Gleiches gilt auch für den Bahnhof…

«Im Anfang war eine Stille; das All still, still.» Der Schein trügt nicht. Urs Widmer war zugegen, als alles seinen Anfang nahm, als ein paar Götter, zusammengeklumpt, immer schliefen und dabei von Farben träumten, von Klecksen, die wir heute Grün nennen würden, Blau und Gelb und Rot. Damals hiessen sie «Yal, Chnu, Fibittl, Shnö» – Urs-Widmer-Namen, die der Schöpfungsgeschichte auch den Titel geben. Später kommen, vor den Menschen – und mit ihnen Lärm und Streit –, die schwirrenden, flirrenden, schwerelosen Vögel und verleiten den Autor zu einer Beschwörungs- und Hoffnungsgeste: «Wir werden sterben, wenn wir nicht wieder fliegen lernen. Warum sollten wir es nicht können?»

Warum sollten wir uns nicht eingestehen, so wie der Mann, der nach Istanbul reisen wollte, dass wir uns verirrt haben und nicht da sind, wo wir hinwollten? Vielleicht, weil…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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