Ein paar Nuggets, viel Sand

Nach «Ein Vorort zur Welt» legt der mittlerweile 62jährige Jochen Kelter eine weitere Aufsatzsammlung vor, die meisten Arbeiten aus den Jahren 1982 bis 1989. Man nimmt das aussergewöhnlich schön aufgemachte Buch gerne zur Hand, gespannt auf weithin unbekannte Texte aus der Feder des gebürtigen Kölners, der im Lauf der Jahrzehnte zum Alemannen geworden ist. Die anfängliche Spannung lässt jedoch rasch nach und macht einem anderen Zustand Platz: einer sich von Seite zu Seite steigernden Enttäuschung.

Immerhin – dass Jochen Kelter geschliffen zu formulieren versteht, dass er, darüber hinaus, auch in seinen Essays und Reflexionen durchaus poetisch werden und zu einer Sprache finden kann, die über den Anlass des jeweiligen Textes und über den Tag hinaus trägt und gültig bleibt, das spürt man gelegentlich auch hier. Sehr gelegentlich allerdings – denn es wird überlagert von larmoyantem Lamentieren über das eigene Schicksal und über die politischen Zeitläufte. Kelter verliert sich in Details seiner stets politisch-symbolisch überhöhten und oft doch nur höchstpersönlichen Lebensgeschichte. Trotz aller zu oft behaupteten Weltläufigkeit spricht hier über weite Strecken ein im schlechtesten Sinne provinzielles Ich, das mit tief empfundenen Kränkungen aus der Studentenzeit und misslichen lokalen Gegebenheiten aus den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts offenbar bis heute nicht fertiggeworden ist. Wer will lesen, wie die Reste der Studentenbewegung am Bodensee «versandeten und verschlidderten»? Wen interessieren die damaligen Zweifel der deutschen Behörden an der Verfassungstreue des Bürgers K.? Das alles ist lange her. Was ist seither passiert? «Ich bin dageblieben. Man wird sogar grau. Und auch sonst.» Dass es in der «BRD» vor 35 Jahren «Berufsverbote» gab, weiss man, ohne dass es der mühsamen Lektüre langweiliger Passagen aus der Akte K. bedürfte. Die sie abschliessende Selbststilisierung indes – der arme K. ist inzwischen aus Deutschland in die Schweiz gezogen – grenzt an Beleidigung aller Opfer von Verfolgung und staatlicher Gewalt: «Ich wohne diesseits der Grenze, ich wohne jenseits der Grenze. Ich wohne mit dem Kopf drüben und mit dem Herz herüben. Ich gehe hinüber über die Grenze ins Exil. Ich kehre heim über die Grenze ins Exil. Hier bin ich zu Hause». Hat auch schon mal bessere Zeiten erlebt, das Exil. Man kann Begriffe auch bis zur Unerträglichkeit verwässern.

Wohlfeile lokalpolitische Entrüstungsaufsätze dürften ein paar Leser in und um Konstanz interessieren, abseitige Leitartikel wie «Kurze Einladung zum Verlassen der Heimat» nicht einmal diese. Sogar die unerhörte Tatsache, dass man ihn einmal in der deutschen Botschaft in Bern warten liess, ist Kelter drei Buchseiten wert. Am Schluss des Bandes stehen «Ein paar Einwürfe zur Geschichte der BRD von den Siebzigerjahren zur Gegenwart», die seine Abscheu vor Deutschland, seinen Antiamerikanismus und seinen grundsätzlichen Kulturpessimismus auf den neuesten Stand bringen. Das alles kann man beiseite lassen. Dazwischen findet man die erwähnten lesenswerten Seiten, auf denen es in vielfacher Variation um Kelters allerdings auch nicht mehr ganz taufrisches Lieblingsthema «Heimat» geht, historisch unterfüttert, politisch akzentuiert und bisweilen ins Poetische gleitend. In Texten wie dem über die Stadt Meersburg oder dem über den Militärfriedhof von Sigolsheim im Elsass blitzen die andernorts vielfach bewiesenen Qualitäten des Autors auf. Für ein ganzes Buch ist das entschieden zu wenig.

vorgestellt von Klaus Hübner, München

Jochen Kelter: «Ein Ort unterm Himmel. Leben über die Grenzen – Essays und Texte». Frauenfeld: Waldgut, 2008.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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