Ein Modernitätsmüder

Hält der Zug der Moderne seine Spur oder drohen ihm jene «Entgleisungen», vor denen Jürgen Habermas warnt? Schon als er gerade volle Fahrt aufzunehmen begann, meldeten sich Skepsis und Kritik. Der 1818 in Basel geborene Jacob Burckhardt ist dafür ein ganz besonderer Zeuge. Mit noch nicht 28 Jahren outete sich der spätere Kulturhistoriker (und Geschichtsphilosoph wider Willen) einem Freund gegenüber als «modernitätsmüde». Er signalisiert damit seine Distanz zu jenem zwanghaften Beschleunigungswahn, der alle Bereiche des Lebens erfasst. Die Moderne ist für ihn unter anderem durch destruktives Macht- und Gelddenken gekennzeichnet, durch einen «erbarmungslosen Optimismus», nicht zuletzt auch durch ihre eigene Verabsolutierung. Der Einzelne jedenfalls komme buchstäblich unter die rastlos «laufenden Räder». Ausbildung von Individualität sei daher die Aufgabe. Allenthalben plädiert Burckhardt, dem jede Homogensierung zuwider ist, für Vielfalt, für das Friedlich-Gegensätzliche, die «discordia concors».

Ein grundlegendes Gebrechen der Moderne sieht er zumal in der Vernachlässigung der historischen Bildung, darin, dass man «die geistigen Zustände und Wandlungen der früheren Weltepochen als ein hohes Förderniss unseres eigenen geistigen Bewusstseins zu behandeln» geringschätzt. Hier verläuft für Burckhardt die Grenzlinie zur «Barbarei», und man könnte sie im «wirren Treiben des Tages» heute, wo tatsächlich «harte Zweckmässigkeit … der herrschende Typus des Lebens» geworden ist, noch deutlicher ziehen als er dies zu seiner Zeit tat. Konservativ ist diese Einstellung nur bedingt.

Es ist ein Vorzug von Kurt Meyers Biographie, dass sie dieses mit dem spannungsvollen Begriff der Moderne bezeichnete Zentrum letztlich nie aus den Augen verliert, das bei der Aufbereitung des in jeder Hinsicht opulenten Werks leicht verschwimmen könnte, das Burckhardt hinterlassen hat. Zugleich widersteht Meyer der lange üblichen Praxis, die grosse Person diesseits ihrer Zwiespältigkeiten zu betrachten. Im Einklang mit der neueren Forschung wird Burckhardt als Kind seiner Zeit und seiner Klasse erkennbar, deren Klischees und Ressentiments er teilt – mit seiner Revolutionsphobie ebenso wie mit der Überzeugung von «inferioren Menschenrassen» –, nachgerade sogar als exemplarische Figur für die Dialektik nicht nur des Modernisierungsprozesses selbst, sondern auch von dessen Kritik. Antisemitische Äusserungen, die sich in Burckhardts Korrespondenz finden, gehen darauf zurück, dass er Juden pauschal als Agenten des ungeliebten «Fortschritts» wahrnimmt. Im Gegenzug weist Meyer allerdings mit Recht etwa auf Burckhardts «ökumenischen Massstab» hin, die Perspektive schrittweisen «Zusammenpulsierens der Menschheit».

Allemal bleibt die Beschäftigung mit dem Gelehrten eine Ausfahrt ins Weite. Der in seiner lebensweltlichen Kleinräumigkeit verpuppte, äusserlich wohlanständige Diogenes aus Basel eröffnet nicht nur eine Fundgrube für das Verständnis des 19. Jahrhunderts. Viel kann man von dem Mann selbst und seinem Werk noch immer lernen, sei es zuweilen auch im Sinne produktiven Widerspruchs.

Jacob Burckhardt wollte seine Kenntnisse niemals nur für die Zunft der «Spezialmikroskopiker» darlegen. Er hielt Vorträge vor der städtischen Bürgerschaft und wandte sich mit seinen Büchern an die «denkenden Leser aller Stände». Kurt Meyer macht seine Sache diesbezüglich gut. Wenngleich besonders das Fehlen eines Registers stört, ist eine Art «Cicerone» entstanden, der Burckhardt ausserhalb von Fachdiskurs und editorischem Gross-projekt mit Gewinn für jeden interessierten Leser präsent hält.

besprochen von Hans-Rüdiger Schwab, Münster

Kurt Meyer: «Jacob Burckhardt. Ein Porträt» Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2009

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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