Ein Mann sieht bunt

Wie lebt es sich eigentlich in der selbstgezimmerten moralischen Parallelgesellschaft der grünen Städter? Eine literarische Milieustudie des Berliner Bionade-Ghettos.

Ein Mann sieht bunt
Illustration von Silvan Borer.

 

Zwischen Weltkrieg II und III drängten sich die Deutschen an die Spitze der Humanität und Allgüte. Und sie nahmen das, was sie unter Humanität und Güte verstanden, äusserst ernst. Sie hatten doch seit Jahrhunderten danach gelechzt, beliebt zu sein. Und Humanität schien ihnen jetzt der bessere Weg zu diesem Ziel.

Franz Werfel, Stern der Ungeborenen, 1945

 

Der 1. Januar 2016 begann für Grünchen mit einem Schock: In einer Erdnusstüte hatte er sich immer wieder über leere Hülsen empört und war dann, als er mit der Hand tiefer wühlte, auf eine pelzige Pampelmuse gestossen, an der er nach eingehender Inspektion vier Wichtelpfötchen entdeckte. Die stämmige, schwarzhaarige Maus hatte wohl da gelebt, wo die Nüsse laut Hersteller angebaut wurden, auf dem bitterkalten Hochplateau von Peru. Dem Umfang nach war der Nager an seiner letzten Mahlzeit erstickt. Die Entdeckung kam nicht ganz aus heiterem Himmel, denn schon beim Öffnen der Tüte, die noch vom Lichtermarkt stammte, hatte Grünchen – der eigentlich Harro Grunenberg hiess – den zarten Hauch von Tod und Verderben gewittert, wie ihn der treue Biomarktkunde von Konjakwurzelreis kennt.

«Es roch verdächtig, aber ich dachte, es wäre wieder nur der Kot eines unterprivilegierten Pflückers so wie neulich an der Maniokknolle, weisst du noch?»

«Ein Glück, dass es keine Spinne war», frotzelte Becki, die ihrem Mann bei der Mäusebestattung im Gartenbeet half. «Die hätte bestimmt noch gelebt und bei deiner Veranlagung wärst du jetzt ein Fall für den Leichenbeschauer.»

Mit zwei Spatenstichen war der kleine Kadaver unter die Erde gebracht. Rebekka Schrimpf, kurz Becki genannt, verkörperte den harten Kern ihrer Ehe, die noch immer – und darauf waren sie beide stolz – ohne Trauschein auskam. Sie ging selten einem Ärgernis aus dem Weg, und selbst die Begegnung mit einer Wanderspinne, die wohl einst in einem Bananenbüschel angereist war, hatte die äusserst sportliche Frau mit einem wohlgezielten Tritt für sich entschieden. Grünchen, eher der Federballtyp, kam damals mit Snappy, der «Fanghaube für achtbeinige Freunde», ein paar Sekunden zu spät. Seine Frau war ihm halt immer eine Nasenlänge voraus, mit ihrer Furchtlosigkeit hatte er ohnehin nie mithalten können. Als ehemalige Ärztin ohne Grenzen war sie aus dem Bosnienkrieg «schlimmeres Viehzeug» – gemeint waren hier serbische Tschetniks – gewöhnt.

Grünchen dagegen galt als Sensibelchen der Familie. Ikea-Eden, seine noch nicht ganz volljährige Tochter, pflegte ihn sogar als «legendarisches Sensibelchen» zu bezeichnen. Legendär deshalb, weil Grünchens Sensibilität etwas Traumhaftes hatte. Sicher lag das an seinem sehr speziellen Beruf, dem des ethischen Werbers, was einem gutbezahlten Bekehrungsauftrag aller gleichgültigen Menschen zum Guten entsprach.

Was war gut? – Bio war gut. Grüne Werbung war gut, Grünchen – gelernter Pharmatexter und mit fünfundfünfzig eigentlich ein klarer Fall für Hartz IV – galt sogar als Erfinder. Seit fast fünfzehn Jahren arbeitete er nun schon für eine Agentur namens Ethos Berlin. Obwohl er inzwischen zur Geschäftsleitung zählte, war sein Markenzeichen noch immer der schlichte Jutebeutel geblieben, Aufschrift: Plastic bags are for plastic people. Andere Seite: Aussen Jute, innen Geschmack! Damit waren in Grünchens Fall Bioremoulade, Algenaufstrich nach Landmannsart, Naturdarmknackwurst, Fair-Trade-zertifizierte Bananen, ein Pflanzendrinksortiment, Naturstrom, kubanische Ökohotels und veganes Katzenfutter gemeint. Aus der Hipster-Food-Schiene war inzwischen eine politische Plattform geworden. Ohne die Zurschaustellung eines hohen sozialen Bewusstseins liess sich nicht mal mehr ein Pfund Kaffee verkaufen. Es ging demnach nicht mehr um die Dinge an sich, um Verbesserung oder Innovation, es ging um den Weg zur sozialen Achtsamkeit einer Marke, ihre «sittliche und moralische Hebung» und Selbstempfehlung – Zitat Grünchen –, «die Sache des guten Menschen zu führen und allen Getretenen und Unterdrückten zu helfen». Grünchen hatte die letzten Jahre für nahezu alle Kunden «Leitbilder» verzapft, «um deren ethische Anliegen gewinnbringend»…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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