Ein Mann mit Urteilskraft

Ein Mann mit Urteilskraft

Heinrich August Winkler: Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte.

 

«Dieser Band ent­hält Aufsätze aus sieben Jahrzehnten», lautet der erste Satz in der Essaysammlung von Heinrich August Winkler, dem wohl bedeutendsten und bestimmt produktivsten deutschen (Zeit-)Historiker, von dem unter anderem ein vierbändiges Mammutwerk zur «Geschichte des Westens» stammt. Was hier sogleich auffällt: eine unglaubliche Kontinuität im Ansatz und in der Ausrichtung. Gewisse Unterschiede, jedenfalls in Nuancen, springen bei der Interpretation der Denkfigur des deutschen Sonderweges ins Auge. Hatte Winkler diesen 1981 als unumstösslich angesehen, so kommen 2021 stärker die positiven Züge des Kaiserreiches zur Sprache, ohne dass deswegen die These von den deutschen Besonderheiten im Vergleich zum «Westen» aufgegeben wird.

Der Berliner Historiker hat im Zuge des deutschen «Historikerstreits» 1986 den Begriff der «Geschichtspolitik» geprägt, der die Instrumentalisierung von Geschichte für politische Zwecke meint. Oft vermengen sich Geschichtspolitik und Geschichtswissenschaft. Der Streitbare hat bei den Deutungskämpfen um Deutschlands Geschichte mitgemischt. Vier Aufsätze betreffen die Zeit vor 1918, elf die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, neun beziehen sich auf das geteilte Deutschland, ebenfalls neun auf die letzten 30 Jahre.

Was Winkler über Sebastian Haffner schreibt («scharfer Beobachter und glänzender Stilist»), gilt auch für ihn. Im Gegensatz zu Haffner ist er ein Mann mit Urteilskraft, keiner, der dem Zeitgeist hinterherläuft. Wie ein roter Faden zieht sich durch die Texte das Plädoyer für den Westen, die Ablehnung von Rechts- und Linksaussenpositionen, die Sympathie für die SPD. Manches Kleinod ist zu entdecken, so seine Abrechnung vor einem halben Jahrhundert mit den chaotischen Verhältnissen am Berliner Otto-Suhr-Institut. Der Rezensent, damals im ersten Semester, weiss, wovon Winkler spricht.

Obwohl die hier aufgenommenen Rezensionen für den Tag geschrieben sind, macht der Verfasser stets das Allgemeine im Besonderen erkennbar. Für 2022 sind Texte zu Fragen der deutschen Einheit und zur europäischen Einigung angekündigt. Hier offenbart sich ein stärkerer Wandel, denn der einstige Gegner eines deutschen Nationalstaates ist es längst nicht mehr.


Heinrich August Winkler: Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte. Historisch-politische Essays. München: C.H. Beck, 2021.

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