Ein Lehrermord ist bühnentauglich!

Ein St. Galler Theaterstück über einen Lehrermord wird unter dem Deckmantel der Pietät schon im Keime erstickt. Darf das wahr sein? Theater ist kein Ort des Schweigens.

Da hat ein städtisches Theater schon vor dem eigenen Tatbeweis geistig kapituliert und humpelt um ein Theaterstück amputiert (zumal noch eine Uraufführung) in die Spielzeit 2010/11. Die Rekapitulation dieser Kapitulation ergibt einen ziemlich bizarren Befund. Ein Künstlerensemble liess sich so weit gängeln, dass es in vorauseilendem Gehorsam das geplante Stück «Der St. Galler Lehrermord», noch bevor es geschrieben war, gleich selbst im Keime erstickte und einen eigens rekrutierten Jungautor vor den Kopf stiess. Hilflos kniete das Theater St. Gallen plötzlich unter dem Deckmantel einer von aussen übergestülpten Pietät, ohne die eigene Kraft und Kompetenz der Katharsis überhaupt ins Spiel gebracht zu haben.

Dieser Lehrermord 1999 in St. Gallen war zweifellos ein besonders aufwühlendes Kapitel der heimischen Kriminalgeschichte. Ein kosovo-albanischer Familientyrann exekutierte den Lehrer seiner Tochter und warf diesem Missbrauch der Schutzbefohlenen vor. Der Lehrer stieg seiner Schülerin tatsächlich aus dem Unterricht heraus nach, um diese allerdings in extremis vor dem Sprung von einer Brücke in den Tod zu bewahren. Er muss vielmehr seinerseits dem Missbrauch der Tochter durch den Vater auf die Spur gekommen sein, rettet das verzweifelte Kind, zitiert den Vater unerschrocken in die Schule und wird dabei nicht nur ruchlos erschossen, sondern in Pervertierung der Verhältnisse wird der Mord aufs verwerflichste auch noch mit dem Rufmord des Kindsmissbrauchs als «Ehrenmord» verbrämt.

Nun fand das Theater St. Gallen mit Milo Rau gar einen St. Galler (und Wahlberliner) Jungautor, der nach einem Bühnenstreich über das Ende des Diktatorenehepaars Ceausescu in Rumänien gewiss auch noch mit einem (Schul-)Haustyrannen aus St. Gallen theatermedial fertiggeworden wäre. Nicht fertig wurde das Umfeld des Opfers mit derlei Ansinnen; man wollte nicht nur sich selbst den Kunstschaffenden versagen, sondern völlig unbesehen und apodiktisch gleich das ganze Projekt untersagen, und im Namen der Pietät fuhr bald einmal die öffentliche Meinung den Künstlern so sehr über den Mund, dass die Theaterleitung klein beigab. Nein, an derlei Mordgeschichte wollte man sich dann doch nicht «versündigen» – und beging flugs die Todsünde des Theaters schlechthin: jene der Sprachlosigkeit ohne Rede und Widerrede!

Sind wir Kritiker solcher Theaterprohibition derweil pietätlos? – Mitnichten. Die Pietät sollte vielmehr und nachgerade einen so hohen Stellenwert haben, dass niemand sie für sich allein gepachtet hat, nicht einmal die Betroffenen einer noch so bestürzenden Tragödie oder Katastrophe. Die Pietät ist allemal zu wichtig, als dass man sie den Pietisten allein überlassen dürfte. Und diese «Sankt» Galler Pietät, die sich da das Theater vom Leib halten will, wirkt ganz besonders bizarr: Selbst elf Jahre nach besagter Schultragödie soll also der Musentempel, dieser Ort ausgefeilter Sprache, nichts zu sagen haben, während etwa die Boulevardpresse natürlich auch in St. Gallen sozusagen ab Tatort gleich «losschiessen» konnte und der andere – ekklesiastische – Tempel seine Tröstungen und seelsorgerlichen Dienste umgehend ausloben durfte. Dennoch, die Vox Populi etwa der Leserbriefschreiber war einhellig gegen das Lehrermordstück, während das Feuilleton zwar leise Zweifel an der Theaterprohibition anmeldete und gleichwohl vor dem apodiktischen Veto der Pietisten erstarrte.

So fehlt also in diesem St. Galler Theater (oder vielmehr Antitheater) noch jener Grand Guignol, der liberal und freizü(n)gig genug einer bigotten St. Galler Pietät mal den aristophanischen Vogel zeigt, pardon, will sagen die aristotelische Katharsis entgegensetzt. Als Argument gegen das Lehrermordstück wurde vorgebracht, das betreffende Verbrechen sei noch viel zu gegenwärtig nicht nur bei den Angehörigen, sondern selbst im Bewusstsein der Bevölkerung vor Ort. Eine Tragödie aber, deren Bewältigung samt Seelsorgern oder Psychiatern selbst nach über zehn Jahren ansatzweise erst gelungen ist, ruft doch geradezu nach der Katharsis einer kollektiven Bewältigung auf dem Theater.

Also nehmen wir das Theater St. Gallen in die Pflicht und fordern ganz schlicht, dass diese Bühne jenseits der Verleugnung…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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