Ein jüdischer «Candide» im Reich des Bösen

Gedanken zur Lektüre von Imre Kertész’ «Roman eines Schicksallosen» Als ungarischer Jude hat Kertész im Holocaust die Herrschaft des Bösen selbst erfahren.
Da diese Erfahrung den Verlust des Authentischen, der Identität und sogar des Todes in sich birgt, ist sein Schreiben der Versuch, das Böse durch die Banalität zu rekonstruieren, um
so die Existenz des Bösen durch seine Nicht-Existenz sichtbar zu machen.

«Wir sehen jetzt nur wie mittels eines Spiegels in rätselhafter Gestalt, dann aber von Angesicht zu Angesicht»: – in dieser Formel hat Paulus die ungeheure Herausforderung des menschlichen Daseins begriffen: die Erfahrung des absolut Guten und seine Unmöglichkeit. Sein gequälter Geist musste auch das absolut Böse in einer ähnlichen Verblendung erfahren: «Und das ist kein Wunder; denn der Satan selbst verkleidet sich in einen Engel des Lichts.»1 Diese doppelt-eine Vision entsteht nach einem einzigen Gesetz: nach diesem Gesetz hat und wird nie eine Erscheinung der Idee des absolut Guten, noch der Idee des absolut Bösen, noch der Idee der absoluten Existenz oder der Idee der absoluten Nicht-Existenz entsprechen. Man versteht, weshalb Johannes vom Kreuz ein ganzes Buch zu den acht Strophen verfasst hat, in denen er seine Begegnung mit Gott beschwört. Gott ist ihm bekanntlich in dem selbstwidersprüchlichen Bild von dem «Licht» «der dunklen Nacht» erschienen. Gerade in der «Finsternis», so Johannes vom Kreuz, offenbart sich Gott jenen, die einmal später «eine helle Vision» haben werden, und noch schärfer formuliert: «sie befinden sich in einer tiefen Finsternis und wissen nicht, wie sie den Sinn ihrer Einbildung und ihrer Rede richten sollen.»2 Seine Formel hat den Wert einer Definition: die «Rede» setzt in einem unüberwindbaren Oxymoron, in einer selbstwidersprüchlichen Erscheinung ein, und sie bestätigt die Irrungen der Einbildung. In seiner Bestrebung, das höchste Seiende zu begreifen, verwendet Johannes vom Kreuz jeweils komplementäre Versionen der äussersten Einheit von Sprache und Dingen einerseits und des äussersten Zerfalls dieser Einheit andererseits.

«Die Welt ist die Signatur des Wortes»3, hat Heine geschrieben, obwohl er als Dichter am wenigsten danach suchte, durch seine Worte verblendende Visionen hervorzurufen. Und Gott? Und Satan? Ja, sie erst recht. Gott und der Satan des Christentums können nichts anderes sein als die Signatur der Wörter, sie sind nach dem Gesetz a contrario erschaffen, und sie sind in den unbestimmbaren (oder eben unabgrenzbaren) Bereich zwischen den unmöglichen begrifflichen Formeln und den unmöglichen Visionen gesetzt. Als Dante sich Gott nähert, erblickt er ihn in einer rein geometrischen und nichtsdestoweniger rein phantasmagorischen Konstellation: «Ich drang zum tiefen klaren Licht als Ganzes, / und sah gleichgross drei Kreise hellgezogen. / Doch anders war die Farbe jedes Kranzes. / Wie Iris Iris, spiegelte ein Bogen / Den andern. Und der dritte, überschwänglich / An Glut, schien aus den zweien gleichstark zu wogen.»4 Und Satan hat sich vor Johannes in apokalyptisch unterschiedlichen Gestalten enthüllt, mal in einer ungeheuren Vervielfältigung seiner Erscheinung: «Und ich sah aus dem Meer ein Tier heraufkommen, das zehn Hörner und sieben Köpfe hatte und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Köpfen gotteslästerliche Namen», mal in einer mise en abyme derselben Erscheinung: «Und ich sah ein andres Tier aus der Erde heraufkommen (…) und [es] bewirkt, dass die Erde und ihre Bewohner das erste Tier anbeten.»5

Entdeckung des Bösen

Kertész hat sich in seinem Buch «Roman eines Schicksallosen» die Aufgabe gegeben, das Schicksal und die Schicksallosigkeit eines naiven Jungen zu beschreiben, dem die Entdeckung des Bösen in der modernen Welt widerfahren ist. Mit diesem Auftrag nimmt er die Tradition von der Gestaltung des Bösen wahr, er setzt sie aber auf eine sehr einseitige und entstellte Art fort – nicht von ungefähr hat er auch eigens betont, dass das moderne Judentum nichts Gemeinsames mit dem des Alten Testaments hat. In der Tat fällt es auf, dass er in seinem Roman nur ein einziges Mal auf die Bibel hinweist und dort auch nur, um das Vorbild bitter abzuweisen: einem allzu lauten Mitleidenden, der ihn über «die Hölle der Lager» befragt, antwortet der Junge, der überlebt hat und nicht will,…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»