Matthias Gehring. Illustration: Matthias Wyler / Studio Sirup.

Ein Glas Wein mit Matthias Gehring

Matthias Gehring / Swiss Licht AG, Niederbüren

 

«Sei mutig! Denk nicht zu lange nach, sondern mach einfach!» So lautet Matthias Gehrings Antwort auf die Frage, welchen Rat er jungen Unternehmern geben würde. Die Geschichte von Gehrings Swiss Licht AG beweist, dass das nicht einfach so dahergesagt ist. Entstanden ist die Firma so: 2013 wollte die Thurgauer Gemeinde Hauptwil-Gottshaus, die Gehring seit kurzem präsidierte, die Strassenbeleuchtung ersetzen. Gehring holte Offerten ein – und staunte über die hohen Preise. Als er an einem Nachtessen mit Unternehmern davon erzählte, meinte einer von ihnen: «Komm, das machen wir selber!» Gehring hatte keinerlei Erfahrung mit Leuchtsystemen. Der studierte Wirtschaftsinformatiker hatte zuvor ein Modellbaugeschäft betrieben. Und doch ging er das Wagnis ein, reiste kurze Zeit später nach China und suchte nach möglichen Lieferanten von LED-Leuchten.

Heute beliefert die Swiss Licht Kunden – hauptsächlich Gemeinden und Unternehmen – in der Schweiz, Europa, aber auch in Nordafrika und Indien. Am Firmensitz im sanktgallischen Niederbüren sind sieben Mitarbeiter in den Bereichen Entwicklung, Verkauf und Montage tätig. Die Leuchten lässt das Unternehmen in China fertigen, wobei ein Teil in Behindertenwerkstätten in der Schweiz zusammengesetzt wird.

Gehring empfängt in seinem Büro im Hauptwiler Gemeindehaus. Er trägt Jeans, ein Hemd und sportliche Schuhe. Schnell beantwortet er noch einen Anruf, vereinbart einen Termin. Lange um den heissen Brei herumreden ist nicht seine Sache. Im Gespräch – unter dem dezenten Schein einer Swiss-Licht-Lampe – redet er direkt und klar.

Die Zusammenarbeit mit China funktioniert gut: Die Schwierigkeit sei es, in der Vielzahl von Anbietern jene zu finden, die eine konstant hohe Qualität böten. «Da haben wir am Anfang sicher auch Lehrgeld bezahlt.» Das seit 2014 bestehende Freihandelsabkommen mit China sieht Gehring mit gemischten Gefühlen. Zwar könne Swiss Licht Leuchten zollfrei einführen, müsse dazu aber dennoch jedes Mal ein Formular ausfüllen. So sei der Aufwand bei kleinen Mengen oft höher als die eingesparten Zollkosten.

Grundsätzlich ist Gehring mit dem Standort Schweiz aber sehr zufrieden. «Der grösste Nachteil ist das hohe Lohnniveau.» Qualifizierte Fachkräfte zu finden und zugleich international wettbewerbsfähig zu bleiben, sei nicht einfach. Deshalb beschäftigt Swiss Licht neben dem Team in Niederbüren vier Programmierer in Bulgarien.

Neben der Beleuchtung selber ist die Swiss Licht auf Lichtsteuerungssysteme spezialisiert. Mit LED-Leuchten und intelligenter Steuerung liessen sich die Energiekosten um bis zu 80 Prozent senken, betont Gehring. Neben dem Kostenargument profitiert die Swiss Licht auch von der gestiegenen Bedeutung von Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Auch wenn Gehring das im vergangenen Jahr aufgekommene «Klimatheater», wie er es nennt, wenig konstruktiv findet.

Die Swiss Licht steht allerdings vor einem Problem: der eigenen Qualität. Die LED-Leuchten halten viel länger als herkömmliche Glühbirnen, nämlich rund 20 Jahre. Und bald werden in Europa die meisten Lampen ersetzt sein. «Der Markt wird immer kleiner.»

Statt dem Ende der Party tatenlos entgegenzusehen, hat Gehring mit seiner Firma ein neues Standbein aufgebaut: Seit vergangenem Jahr baut die Swiss Licht auch Serviceroboter. An den Bahnhöfen der Deutschen Bahn sollen Passagieren schon bald von Robotern Zugauskünfte erteilt werden.

Wie bloss kommt man von Leuchten zu Robotern? Gehring schmunzelt. Tatsächlich ist der Schritt kleiner, als man vermuten würde. Durch die Entwicklung von Lichtsteuerungen hat die Swiss Licht das erforderliche Know-how über Sensoren und Plattformen. Wer Lichtsteuerungen programmieren kann, kann auch Roboter programmieren.

Operativ ist der 41-Jährige kaum in der Firma eingespannt. So lässt sich die Unternehmertätigkeit gut mit seinem 75-Prozent-Pensum als Gemeindepräsident vereinbaren. Hauptwil-Gottshaus hat eine Struktur, in welcher der Präsident viele operative Aufgaben innehat. «Als Gemeindepräsident bin ich im ständigen Kontakt mit der Bevölkerung, kann viel umsetzen und sehe Ergebnisse.» Auch nach neun Jahren im Amt hat er denn keine Absichten, seinen Job aufzugeben – sofern ihm die Bürger weiterhin ihr Vertrauen…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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