Illustration: Matthias Wyler / Studio Sirup.

Ein Glas Wein mit Judith Maag

Judith Maag / Maag Recycling AG, Winterthur

 

Als ich den mitgebrachten Wein auf den Tisch stelle, schaut Judith Maag ein wenig skeptisch. Aber sie relativiert: Sie möge zwar den regionalen Rotwein nicht allzu sehr, aber beim Noblen Blauen von Nadine Saxer mache sie eine Ausnahme. Und wir sind uns einig, dass ein Pinot Noir wahrscheinlich die bessere Wahl auf nüchternen Magen ist als ein schwerer Rioja.

Judith Maag ist eine Frau, die weiss, was sie will. So war auch sie es, die die Firma Maag Recycling AG 2016 in vierter Generation übernahm und nicht ihr Bruder, obwohl er derjenige mit dem Master in Family Business ist. Die Recyclingbranche sei eine Männerdomäne, nicht zuletzt draussen auf dem Hof, sagt Maag. Das bekommt sie etwa zu spüren, als sie nach zwei Jahren als Geschäftsführerin von einem Angestellten gefragt wird, wann denn nun ihr Bruder die Führung übernehmen werde. Ob sie sich mehr beweisen muss als andere Frauen in Führungspositionen, weiss sie nicht. Sie ist aber davon überzeugt, dass weib­liche Führungskräfte generell mehr leisten, was sie vor allem dem weiblichen Perfektionismus zuschreibt.

Die Maag Recycling AG verkauft die bei ihr abgegebenen Materialien weltweit weiter. Dabei ist es für Judith Maag wichtig, so weit wie möglich nachverfolgen zu können, wohin die Stoffe geliefert werden und wer damit was produziert. Es sei wichtig, für jedes Material mehrere Abnehmer zu haben. So könne zum einen besser über den Preis verhandelt werden. Zum anderen habe sie eine Annahmepflicht, was bedeutet, dass sie nicht plötzlich Ware ablehnen kann, nur weil sie keinen Abnehmer dafür hat.

Durch den An- und Verkauf diverser Materialien können in der Recyclingbranche früh Anzeichen für konjunkturelle Schwankungen festgestellt werden. Bestellt beispielsweise ein Stahlwerk weniger, ist das ein Hinweis, dass die Wirtschaft bald an Schwung verlieren wird. Dies zeigt sich dann auch direkt auf dem Recyclinghof in Winterthur. Während einer Rezession werfen die Leute weniger weg. Es wird mehr repariert als neu gekauft.

Auch die Umwelt beeinflusst die Recyclingbranche. So sagte das Papierwerk Perle, der einzige Schweizer Papierabnehmer der Maag Recycling AG, einmal die ganze Bestellung ab, weil ein Hochwasser das Gebäude des Werks geflutet hatte und es nicht produzieren konnte. In solchen Momenten muss schnell gehandelt werden, damit das Altpapier einen neuen Abnehmer findet. Denn der Lagerplatz ist teuer und knapp.

Hat die Klimabewegung einen Einfluss auf das Geschäft? Judith Maag lächelt süffisant: «…nicht so, wie die meisten es sich vorstellen.» Die Bewegung trägt dazu bei, dass Menschen mehr recyceln, was gut ist. Aber nicht dazu, dass sie ressourcen­schonend einkaufen und weniger wegwerfen – was schlecht für Maags Geschäft wäre. Sie macht sich keine Sorgen: «Solange es Menschen gibt, gibt es auch Abfall.» Die Geschichte des Recyclings bestätigt diese Aussage. Im Mittelalter gab es Lumpensammler, später dann die Fahrenden, die die Aufgabe des Recycelns übernahmen. Sie sammelten ein, was die Gesellschaft als nutzlos ­ansah, und fanden einen neuen Zweck dafür. Auf diese Eigenschaft ihrer Branche ist Judith Maag sichtlich stolz. Es gebe wohl keine so kreative Branche wie die ihre, denn es gelte immer wieder, aus Altem Neues zu erfinden.

Und genau das ist aus ihrer Sicht wichtig. Dass das Alte verschwindet. Oft werden auch sehr private Dinge abgegeben, die zerstört werden sollen. Dieses Abladen von physischem Müll komme teils einer Seelenreinigung gleich. Oder auch einem Schutz der Erinnerung. Wenn etwa Fotos bei einem Verstorbenen gefunden werden, die ihn in einem schlechten Licht darstellen würden.

Das Skurrilste, was während Maags Zeit abgegeben wurde, war ein Aquarium – noch halb gefüllt mit lebenden Flusskrebsen. Die Firma telefonierte daraufhin bei den Zoogeschäften Winterthurs herum und fand so ein neues Zuhause für die Schalentiere.

Die Krux an leichtem Wein ist, dass…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»