Carlo Loderer, illustriert von Matthias Wyler.

Ein Glas Wein mit
Carlo Loderer

Carlo Loderer ist Co-Gründer der Zippsafe AG, Glattbrugg.

Als ein Flugzeug riesig gross am Fenster vorbeisegelt, müssen wir unser Gespräch kurz unterbrechen, denn die Büros von Zippsafe befinden sich start-up-konform an einem Ort, wo der Boden günstig ist, in der Abflugschneise des Flughafens Zürich. Bis auf den gelegentlichen Lärm ist’s aber gemütlich und geräumig hier in Glattbrugg. Neben Schreibtischen, einem Sofa und einem Pingpongtisch ist das Produkt der Firma – eine komprimierte Schliesstasche mit Reissverschluss, die den klassischen Spind des Mitarbeiters aus Blech ersetzt – in verschiedenen Varianten und Entwicklungsstufen aufgestellt. «Hier sehen wir die Produktlinie von 2019», sagt Carlo Loderer, 28, und zeigt auf einen der Kästen. Es ist eine Einheit mit zehn Fächern auf 1,4 Metern Breite, die ab 3000 Franken verkauft wird (mit mechanischem Padlock, ohne Elektronik, ohne Alarmsystem, ohne Lüftung). In der Vollausstattung ist mit rund 10 000 Franken pro Einheit zu rechnen. Loderer und sein Co-Gründer David Ballagi haben sich beim Tschutten kennengelernt, beim FC Bolligen, und wurden beste Freunde. Gemeinsam studierten sie Maschinenbau an der ETH, gründeten 2016 die Zippsafe AG und sind nun Mehrheitsaktionäre. Die Firma beschäftigt aktuell 16 Mitarbeiter, davon fünf in Ungarn (Montage) und zwei in Deutschland (Verkauf). 2018 konnten die Bestellungen im Vergleich zum Vorjahr mehr als versechsfacht werden, der Umsatz liegt im einstelligen Millionenbereich.

Das Zippsafe-Garderobensystem ist eine High-Tech-Premiumlösung. Sie macht nicht da Sinn, wo man Geld sparen will, sondern da, wo man Platz sparen muss. Wenn man es sich nämlich mal überlegt, sind Mitarbeitergarderoben ein ziemlicher Luxus, den sich Firmen leisten. Abgesehen von ein paar Minuten vor und nach der eigentlichen Arbeit handelt es sich um eine völlig ungenutzte Fläche. Umgekehrt zur Lage am Flughafen lohnt sich folglich die Einsparung von Flächen besonders auf teurem Boden, zum Beispiel an der Zürcher Bahnhofstrasse. Die Jelmoli-Filiale dort gehörte zu den ersten Zippsafe-Kunden. Mit dem Ersatz von 700 Mitarbeiterschränken konnten rund 200 Quadratmeter Fläche eingespart werden – was sich bei einem Quadratmeterpreis von einigen Tausend Franken gerade auf lange Frist stark auswirkt. «Uns kommen diverse Trends entgegen, die zu noch mehr Platznot führen: die Verdichtung in den urbanen Zonen, die Konsolidierungen von Betrieben, der Wechsel von Arbeitsmodellen hin zu mehr Teilzeitjobs», sagt Loderer, «wir gehen deshalb derzeit ausschliesslich Kunden mit Platzproblemen an.» Inter­esse zeigen vor allem Unternehmen mit Kleidervorschriften, in denen sich täglich viele Mitarbeiter umziehen müssen. Spitäler etwa oder Unternehmen in der Lebensmittelindus­trie. Zufriedener Kunde ist etwa das Kantonsspital Winterthur, für das man kurzfristig auftretende Kapazitätsprobleme lösen konnte.

Wie es funktioniert? Der Mitarbeiter öffnet seine persönliche Tasche mit dem RFID-Chip und dem Reissverschluss, zieht einen Kleiderbügel heraus und setzt sich auf die Bank vor der Tasche, um die Schuhe auszuziehen. Die Schuhbox wurde von der Tasche separiert – ein Punkt, den man geändert hat nach Rückmeldungen von Mitarbeitern. Die sagen übrigens auch: Lieber klein, dafür mein. Während klassische unpersönliche Spinde bis zu 30 Zentimeter breit sind, gesteht die persönliche Zippsafe-Tasche einer Person nur 13 Zentimeter zu. Dafür aber ist sie flexibel dehnbar wie der Beutel eines Kängurus. Die Aussenschicht der Tasche erfüllt die Brandschutznormen. Die Mittelschicht löst im Fall einer Beschädigung, etwa bei einem Diebstahlversuch, einen Alarm aus, akustisch (lauter Ton) oder silent (Mitteilung an die Sicherheitszentrale). Von der Innenschicht perlt das Wasser ab. Wenn man im Winter eine noch mit Schnee bedeckte Jacke in den Spind hängt, aktivieren Feuchtigkeitssensoren die eingebaute Lüftung. Bereits jetzt ist jede Einheit mit dem Internet verbunden. Mit Salto und Dormakaba bestehen derzeit Schnittstellenlösungen für Zutrittssysteme, und damit ist in der Schweiz fast der ganze Markt abgedeckt. Im Ausland aber nicht, deshalb plant Loderer, ab 2020 eine eigene Schliessfachverwaltungslösung zu entwickeln. Und dafür braucht’s Geld. Eine Series-A-Finanzierungsrunde soll nächstens…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»