Ein Glas Wein  mit Anna Barbara Schranz
Illustration: Matthias Wyler / Studio Sirup.

Ein Glas Wein
mit Anna Barbara Schranz

Anna Barbara Schranz ist Geschäftsleiterin von Schranz Geigenbau, Thun.

Anna Barbara Schranz bedient eine Kundin, als ich das kleine Ladengeschäft an der Pestalozzistrasse 24 in Thun betrete. Im Haus mit der übergrossen Geigensilhouette an der Fassade befindet sich unübersehbar das Geigenbauatelier der Familie Schranz. Der vordere Teil ist ein Verkaufsraum mit allem, was es zum Machen von Musik braucht. «Die Werkstatt ist hinten», erklärt Schranz und führt mich durch einen Gang dorthin. Hier erwartet mich eine Werkstatt wie aus dem Bilderbuch: Das Licht ist etwas schummrig, in den Regalen stehen Geigen dicht an dicht, an einer Werkbank arbeitet Schranz’ Mitarbeiter Renatus Heger an einem Cello. Er zeigt mir dessen Rückseite, die mit Klammern zusammengehalten wird: Feine Haarrisse ziehen sich durch das Holz. «Wir machen vorwiegend Reparaturen», erklärt Schranz und zeigt auf die eng verstauten Geigen: «Und diese hier warten darauf, dass wir sie endlich für den Verkauf oder die Vermietung instand setzen.» Im hinteren Teil der Werkstatt beugt sich ihr Vater Daniel Schranz – Geigenbaumeister und Gründer des kleinen Familienunternehmens – konzentriert über ein Stück Holz.

Um nicht weiter zu stören, ziehen wir uns mit einer Flasche Wein in ein kleines Nebenzimmer zurück. «Ich wollte nie Geigenbauerin werden. Das war mir einfach zu normal», erinnert sich Schranz und lacht. Denn sie ist sozusagen mit Streichinstrumenten gross geworden: Als ihr Vater 1983 das Geschäft gründete, befand es sich erst in einer Dachgeschosswohnung in der Thuner Altstadt, war Wohnraum und Geigenwerkstatt in einem. Der Grund, dass er die Selbständigkeit wählte, Privatleben und Arbeit räumlich eng miteinander verknüpfte, war die Absicht, seine Frau und seine Töchter mehr zu sehen. Die Schwierigkeiten dieses Arrangements hat Schranz nun selbst kennengelernt: Sie nimmt ihre eineinhalbjährige Tochter regelmässig mit in die Werkstatt. «Sie hat eine kleine Geige, mit der darf sie machen, was sie will. Es hat ja so vieles, das sie hier nicht anfassen darf», lacht sie. Es gebe Tage, an denen sie bei der Arbeit zu fast nichts komme, doch insgesamt habe sie mit diesem Arrangement viel mehr gemeinsame Zeit mit ihrer Tochter.

Erst über Umwege – eine Lehre als Hochbauzeichnerin und ein Musikstudium (Horn, nicht etwa Geige) – gelangte Schranz an die Seite ihres Vaters. Sie stieg ein als Schwangerschaftsaushilfe im administrativen Bereich und übernahm danach immer öfters Reparaturarbeiten. Irgendwann war eine Lehre als Geigenbauerin unumgänglich und im 2016 schloss Schranz ihre Lehrabschlussprüfung darin ab. «Erst wollte ich zwar etwas Eigenes suchen. Aber zum Schluss bin ich doch hierher zurückgekommen», kommentiert sie ihren nichtlinearen Werdegang. Dann vor vier Jahren gründeten Vater und Tochter eine GmbH, nach seiner Pensionierung wird Schranz das Geschäft ganz übernehmen.

Eine Geige zu bauen dauert circa hundert Stunden – «bis zum kleinsten Detail Handarbeit», versichert Schranz – und kostet dann rund 15 000 Franken. Für die meisten Kunden ist das viel zu teuer, deshalb wird ein Neubau höchst selten in Auftrag gegeben. Ausserdem herrsche der «Mythos vom Alten». Neubaugeigen werden oft aus dem Ausland importiert, beispielsweise aus Deutschland oder aus China. Sie sind billiger, weil sie teilweise halbmaschinell hergestellt sind, vor allem aber wegen des tieferen Lohnniveaus. Auch Schranz verkauft Geigen aus dem Ausland: «Es gibt enorme Qualitätsunterschiede, aber wir arbeiten mit guten Schweizer Lieferanten zusammen, die uns beste Instrumente bereitstellen.»

Schweizweit gibt es heute rund hundert Geigenbauateliers – acht davon in Bern. «Zu viele», meint Schranz. Und vor allem die vielen Onlineshops sind wegen ihrer tiefen Preise eine zusätzliche Konkurrenz. Da aber im Gegensatz zu den Blasinstrumenten die Anzahl der Streicherschülerinnen und -schüler an den Musikschulen relativ stabil geblieben ist, hat sich glücklicherweise in den letzten Jahren nicht allzu viel verändert – «klopf auf Holz»! Und davon hat es hier ja genug.

Wein: Pago de Carraovejas…

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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