Ein Glas Wein mit

Beat W. Schweizer, Schweizer Messebau AG.

Ein Glas Wein mit
Illustration: Matthias Wyler / Studio Sirup.

Der einzige Passagier im Bus, der am späten Vormittag ins Industriegebiet Muri fährt, bin ich. Nur zwei Schülerinnen steigen ein: «Hoi Ernst!», ruft eine. Der Fahrer brummelt. Und verwirft dann seine Hände wegen einem Fahrzeug mit Zürcher Kennzeichen, das nicht rasch genug abbiegt. Am Ende des Industriegebiets tauchen zwei grosse Gebäude mit Schweizer Kreuz auf, ein schwarzes und ein graues, dahinter nur noch grüne Wiesen: die Schweizer Messebau AG.

Ihr Firmenchef heisst Beat Walter Schweizer. Ein Mann mit einem imposanten Schnauz von über zwei Metern Körpergrösse in Jeans und weiss-grau-kariertem Hemd, dem Shania überallhin folgt. Shania? Sein Golden Retriever, den er «meine Sekretärin» nennt. Schweizer, Jahrgang 1961, machte sich 1988 als Messebaumonteur selbständig und führte bald eine Montagegruppe. Zunächst lernte er Dekorationsgestalter, dann Zimmermann – und besuchte schliesslich die Kunstgewerbeschule. Eine Lehre zum Messebauer gebe es auch heute leider nicht, erzählt er. Deshalb sind die meisten seiner Mitarbeiter ebenfalls Quereinsteiger, aus verschiedenen handwerklichen Berufen. «Messebau ist sehr stressintensiv», sagt Schweizer. «In diesem Job arbeitet man oft am Wochenende und an Feiertagen, und für die Kunden darf man immer erreichbar sein.» Seine Mitarbeiter, sagt er, seien deshalb im Schnitt erst dreissig Jahre alt.

Vor ein paar Jahren entschloss sich Schweizer, das Trinken von Alkohol einzustellen. Also informierte er seine Mitarbeiter und seine Kunden, dass er sich in eine Alkoholentziehungskur einweisen lasse: «Ich habe dreissig Jahre lang sehr gut und sehr gerne Wein getrunken. Doch ich musste dann irgendwann feststellen, dass das nicht mehr zu meinem Leben als Firmenchef passt.» Also trinken wir Wein ohne Alkohol: zum Apéro einen Weissen vom Weingut von Winning aus Deidesheim in der Pfalz. Zum Essen – wir holen uns im lokalen Thai-Restaurant Nudeln mit Huhn – einen Roten: einen naturreinen, von einem lokalen Bauern hergestellten Aroniasaft, gespritzt mit Apfelsaftschorle.

Bald reden wir über Politik. Auf die vielen Zollvorschriften, mit denen er bei Messen im Ausland konfrontiert ist, könnte er gerne verzichten, sagt Schweizer – aber er sieht sie als Herausforderung: «Für eine Firma wird es immer dann gefährlich, wenn sie keine Herausforderungen mehr hat. Wir sind es gewohnt, permanent in einem Wettbewerb zu sein, in dem Firmen aus dem europäischen Ausland billigere Preise anbieten können. Trotzdem holen wir die Aufträge: ich glaube, weil wir nicht zur Masse gehören und eine höhere Dienstleistungskompetenz bieten können. Über 90 Prozent unserer Kunden sind treue Firmen aus der Deutschschweiz.» Selbst wollte er nie Politiker sein, sagt er, dann schon lieber Historiker: «Ich möchte nicht auf politische Entscheide warten müssen, die dann auch noch per Abstimmung gebodigt werden können. Ich bin Unternehmer, nicht Unterlasser! Ich muss auch die Freiheit haben können, Träume und Visionen scheitern zu lassen und Fehler in Eigenverantwortung einzugestehen.»

Nächstes Jahr wird die Schweizer Messebau AG 30 Jahre alt. Sie beschäftigt derzeit 35 feste Mitarbeiter, mit den temporären sind es fast 100. «Dass ich diesen Leuten ein Einkommen, eine Existenz bieten kann, das macht mich stolz. Mein Ziel ist es, die Firma eines Tages meinen leitenden Mitarbeitern zu übergeben, in irgendeiner Rechtsstruktur, die passt.» Die Flasche Wein, die ich mitgebracht habe, wandert in seine Sammlung, ich erhalte aber im Gegenzug zwei andere: eine ohne Alkohol und einen Blauburgunder aus der Region. Zurück am Bahnhof fragt mich einer, wann denn nun das Turnfest beginne, am Freitag oder am Samstag? Ich bin ahnungslos, bis ich die unter dem Bahnhof aufgebauten Zelte sehe. «Us puurer Froid» lautet das Motto des Aargauer Kantonalturnfests Freiamt.


Wein: Weingut Winning, weisser Traubensaft, Deidesheim, und aus der Region, naturreiner Aroniasaft «Schweizer Messebau».