Ein Glas Wein mit

Silvio Gerber, Kameramann, Regisseur und Mitgründer der Filmgerberei GmbH.

Ein Glas Wein mit
Illustration: Matthias Wyler / Studio Sirup.

Freitags um vier: es ist höchste Zeit, das Wochenende zu begiessen», lacht Silvio Gerber, als ich bei ihm auftauche. «Da kommst du gerade recht mit deinem Wein», sagt mein alter Schulkollege. In der Küche seiner «Filmgerberei» öffnet er die Flasche, riecht am Zapfen, lässt den Franzosen atmen. «Hier wird zweimal in der Woche über Mittag gekocht und gegessen», erklärt Gerber. Dann führt er mich durch die ehemalige Velowerkstatt, die jetzt auf zwei Etagen Schnittplätze, Film- und Fotostudios, Tonkabinen, einen Schulungsraum, ein Kino und diverse Büros beherbergt. Gerber ist stolz: neun Jahre hat es gedauert, bis die Filmgerberei ihre heutige Grösse erreicht hat. «Unser erstes Büro war in einem Keller», erinnert er sich. «Wir mussten die Fixkosten so tief wie möglich halten, um von Investoren unabhängig zu bleiben. Darum hat alles etwas länger gedauert, aber wir sind nachhaltig gewachsen.»

Gerber kann mit seinen 28 Jahren bereits auf eine stattliche Karriere zurückblicken: Mit 15 hat er bei verschiedenen Produktionsfirmen als Assistent angefangen. Daraus ergaben sich erste Aufträge, bis genug Geld und Know-how da war, um den Schritt in die Unabhängigkeit zu wagen. 2008, direkt nach der Matura, gründete Gerber zusammen mit seinem Bruder Flavio die Produktionsfirma Filmgerberei.

Wir setzen uns mit dem Wein in den Innenhof. Es ist kühl, die Fenster der umliegenden Häuser sind geschlossen und die Töpfe auf den Balkonen noch leer. Nur zwei kleine Kinder jagen auf Dreirädern durch den Hof. Er sei froh, dass der Start-up-Groove vorbei sei, meint Gerber, als er auf die spielenden Kinder blickt. Es sind seine kleine Nichte und der Sohn eines Kunden – ein echter «Familienbetrieb», denke ich. Von Familienfreundlichkeit konnte aber lange keine Rede sein: Die ersten drei Jahre hätten die Brüder fast im Büro gelebt, sich keine Löhne ausbezahlt, alles direkt wieder in Projekte und Equipment investiert. «Den ersten Lohn hat unser Praktikant bekommen», meint Gerber. «Wir kamen dann an einen Punkt, an dem es nicht mehr weitergehen konnte. Fünfzehn-Stunden-Drehs. Sieben-Tage-Wochen. Also haben wir die ersten Angestellten gesucht.» Heute hat die Filmgerberei sechs Angestellte und zwei Praktikanten. «Wir sind ein kreativ zusammengewürfeltes Häufchen», lacht Gerber. «Hierarchie gibt es nur am Set, sonst sind wir eine grosse Familie.»

Wir trinken schweigend. Der Wein ist frisch und kraftvoll, mit einem leichten Tanningerüst – ideal für einen ausklingenden Nachmittag, der bereits an den entfernten Sommer erinnert.

Die Filmgerberei habe sich über die Jahre in drei Teile gegliedert, erklärt Gerber: die beiden Standbeine sind Filme für Corporate und Commercial. So spielte auch schon Roger Federer – im Schottenrock! – Dudelsack in einem ihrer Spots, um Werbung für den «Match for Africa» zu machen. Das neue Standbein ist der Spiel- und Dokumentarfilm. Gerbers Bruder arbeitet als Produzent noch 80 Prozent, hat eine kleine Familie, erledigt viel im Büro. Gerber hingegen ist als Kameramann weiterhin viel unterwegs, zuletzt in Panama, Hongkong, Tibet und Russland. Gerade kommt er von einem Dreh in Dubai zurück. «Wir verfolgen stets 15 bis 20 verschiedene Projekte gleichzeitig. Die Wochenenden können wir unterdessen zwar mehr oder weniger freihalten, aber mein Bruder und ich, wir sind noch immer die letzten, die das Büro verlassen», lacht Gerber, schweigt dann kurz und ergänzt: «Es ist nicht einfach, in der Schweiz zu produzieren.» Jeden Tag würden konkurrierende Firmen aus dem Boden schiessen, auch gebe es immer mehr Konkurrenten, die ihre Filme im Ausland produzierten. «Natürlich ist es rentabler, Statisten und Techniker dort zu engagieren», erklärt Gerber. «Aber oft geht es auch zu Lasten der Qualität. Das ist für uns ein No-Go. Und bisher hat sich diese Strategie bewährt.»

Ebenfalls bewährt hat sich der Rotwein. Unsere Gläser sind leer. Die Kinder sind längst in die Wärme geflüchtet.…