Illustration: Matthias Wyler / Studio Sirup.

Ein Glas Wein mit

Patrik Künzler / Limbic Life, Zürich

Es ist kurz vor dem Mittag in einem Showroom beim «Stauffacher» in der Zürcher Innenstadt, am Schaufenster steht geschrieben: «Move your mind.» Ich setze mich auf etwas, das unten mit fünf Streben und Rollen dran aussieht wie ein handelsüblicher Bürostuhl, oben aber keine Fläche aufweist, sondern zwei Karbonschalen. Die Oberschenkel passen hinein, die Füsse schweben in der Luft – und der Körper schaukelt, hält sich aber aufrecht, der Rücken ist gerade. Patrik Künzler fährt den Tisch elektronisch auf meine Höhe. Könnte ich so schreiben?

Künzlers Anspruch ist es, das Sitzen neu zu erfinden. An der Vision, wie der ideale Stuhl aussieht, hat er drei Jahre lang geforscht und gearbeitet. Entstehen dabei sollte eine Sitzgelegenheit, in der man sich leicht, frei und schwerelos fühlt, um mental und körperlich in den Flow zu kommen und darin zu bleiben. Ein Stuhl, der die Rückenmuskeln den ganzen Tag über in Bewegung hält und die Wirbelsäule entlastet, insbesondere den unteren Rücken. «Unsere Produkte versetzen das Becken und die Wirbelsäule in einen Zustand wie beim gemütlichen Gehen. Die beiden Karbonschalen sind wie zwei Hände, die einen stützen und emporheben», sagt Künzler. Sein Ziel ist es, dem Menschen seinen Körper zurückzugeben; wie der Mensch mit seinem Körper und mit der Umwelt, vor allem mit der elektronischen, interagiert, will er verändern. «Wir bombardieren unseren Geist ständig mit Informationen und Bildern per Smartphone, Laptop und neu auch per Virtual Reality. Wenn wir es jedoch schaffen, wieder mehr alltägliche Aktivität in den Körper hineinzubringen, dann entlastet das auch unser Gehirn.»

Was das Sitzen im Limbic Chair denn auslöse, will ich wissen. Künzler ist ja nicht nur Verkäufer, sondern auch Mediziner. «Das limbische System wird aktiviert», sagt er. «So wird die körperliche Wahrnehmung generell gestärkt und hochreguliert, auch der Geschmackssinn verstärkt sich.» Das limbische System beeinflusse nicht nur unsere Emotionen, sondern auch unser Gedächtnis, unsere Konzentrationsfähigkeit und vieles mehr. Deshalb bestehe ein Zusammenhang zwischen Berührung und Bewegung, emotionalen Zuständen und mentaler Leistungsfähigkeit. Vereinfacht gesagt verarbeitet das limbische System Emotionen und dient der Entstehung von Triebverhalten. Es werden ihm aber auch intellektuelle Leistungen zugesprochen. «Unser Körper hat eine eigene Intelligenz», sagt Künzler. Tatsächlich läuft man in aller Regel nicht gegen eine Wand, wenn man sich gehend auf die Inhalte des Mobiltelefons konzentriert.

Als Student restaurierte Patrik Künzler Pferdekutschen und alte Motorräder, begeisterte sich für alles Mechanische; eigentlich wollte er Autodesigner werden. Dann aber studierte er Medizin an der Uni Zürich, forschte in Japan. Am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA betrieb er mittels Experimente mit Mäusen Grundlagenforschung im Bereich Hirnforschung und beschäftigte sich damit, wie Stress Konzentration und Lernfähigkeit beeinflusst, weshalb man in einer neuen Umgebung oft aufnahmefähiger ist und wie Dopamin diese Zustände über verschiedene Mechanismen beeinflusst. Als er mal bei Studenten nachfragte, welches Alltagsding sie am meisten nerve, nannten sie den Stuhl; ein äusserst unangenehmes und unbequemes Ding sei das. Also fragte er sich, ob man nicht eine Sitzgelegenheit designen könne, die Bedürfnisse des Hirns stillen könnte. Und legte so die Grundlage für seine Produkte, die er am liebsten gar nicht als Stuhl bezeichnen würde. Doch wie könnte man es denn sonst nennen?

So wie Tesla die Autoindustrie aufmischt, würde Limbic Life gerne die Stuhlindustrie aufmischen. Ziel ist es, Schritt für Schritt zu einem Massenprodukt zu werden. Weil das aber noch nicht erreicht ist, sind die Preise für ein Einzelstück nach wie vor hoch: Einen massgeschneiderten Karbonstuhl gibt’s ab 5500 Franken, einen Standardstuhl ab 2950 Franken. Für jene, die bisher unter unerträglichen Rückenschmerzen litten, hat sich die Investition aber mit Sicherheit gelohnt. «Endlich kann ich wieder 16 Stunden arbeiten am Tag!», lautete etwa die Rückmeldung eines…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»