Ein Glas Wein mit

Florian Jakober, Landschaftsgärtner in Glarus

Ein Glas Wein mit
Illustration: Matthias Wyler / Studio Sirup.
Florian Jakober empfängt mich mit festem Händedruck vor seinem Haus in Glarus. «Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen meine Bienen.» Wir spazieren durch einen prächtigen Garten, umrahmt von riesigen, alten Bäumen, deren Blätter zu spriessen beginnen. Während der Frühlingsbeginn für die meisten Frühlingsgefühle verheisst oder zumindest Heuschnupfen bedeutet, kündigt er für Jakober vor allem eines an: Arbeit.

Jakober ist Landschaftsgärtner. Seit zehn Jahren legt er Teiche an, entwirft neue Gartenlandschaften, mäht Rasen oder pflanzt Gewächse für seine Kunden aus der Region. «Das Geschäft hält uns auf Trab», sagt er. Jakober und sein Team – zwei Gärtner und ein Lehrling – kommen während der wärmeren Jahreszeiten kaum zur Ruhe. Der Chef könnte längst ausbauen und mehr Leute einstellen. Aber das will er nicht. «Geld nützt mir nichts, wenn ich keine Zeit mehr habe, es auszugeben», sagt Jakober. Er mache seinen Job sehr gerne, aber er arbeite, um zu leben, nicht umgekehrt. «Selbst wenn es manchmal nicht so aussieht.» Damit spielt Jakober auf seine Freundin an, die ihn in den Sommermonaten oft tagelang nicht zu Gesicht bekommt.

Es ist ruhig im Garten. Keine einzige Biene scheint Lust auf einen Ausflug zu haben. «Man sagt, wenn die Bienen aussterben, sterbe vier Jahre später auch der Mensch aus», sagt Jakober, als wir vor seinem Bienenhaus stehen. «Ich kann mir vorstellen, dass das stimmt.»

Jakober ist in Glarus geboren und aufgewachsen. Nach einer Lehre als Landschaftsbauzeichner zog er nach Zürich, holte die Matura nach und wollte Biologie oder Physik studieren. Doch das Heimweh zog ihn zurück ins Bergtal. Er hatte gehört, dass die Gärtnerei einen Nachfolger suchte, und ergriff die Chance. Glarus sei ein guter Standort für ein Kleinunternehmen, sagt Jakober: die Behörden seien schnell und professionell, die Kunden loyal. Auch die Steuern seien fair – schliesslich bekomme man auch viel zurück. Einzig mit dem Personal ist es nicht ganz einfach: «Viele Schulabgänger wollen heute lieber eine Bürolehre machen oder ziehen nach Zürich, um zu studieren.»

Glarner könnten etwas knorzig sein, sagt Jakober. Kürzlich habe einer beim Bahnhof eine Markthalle eröffnet. Der Mann habe jeden im Dorf gefragt, ob er seine Produkte dort verkaufen wolle, doch er habe auf Granit gebissen. Niemand wollte. Es sei ja schön, findet Jakober, wenn alle zufrieden seien mit dem, was sie hätten. Aber es sei ihm schon vorgekommen, als wolle man sich dem Neuen etwas gar verschliessen. Jetzt stünden halt mehrheitlich Leute von ausserhalb hinter den Ständen. «Selber schuld», sagt Jakober lachend. Vielleicht, mutmasst er dann, komme das Knorzige vom Wetter. Das Glarnerland zieht sich von rund 400 auf über 3600 Höhenmeter. Bläst der Föhn durchs Tal, kommt es zu Temperaturrekorden. «Da kann man es uns nicht verübeln, wenn es dem einen oder anderen ab und zu ein wenig aufs Gemüt schlägt», witzelt Jakober.

Wir kommen vor dem Materiallager an. Daneben steht das Gewächshaus, Winterlager für Hunderte von Pflanzen. Jakober ist überzeugt, dass er seine Arbeit deshalb gut mache, weil er sie gerne mache. «Ich nehme meinen Job ernst, übernehme Verantwortung, bin ehrlich mit den Kunden und führe keinen Auftrag aus, von dem ich nicht überzeugt bin», sagt er. Von klein auf habe er sich mit Pflanzen beschäftigt – alles über sie gelesen, mit ihnen gearbeitet und ein Gespür für sie entwickelt. «Ich schaue sie an und weiss, was sie brauchen», sagt Jakober. Das könne man in einer Ausbildung kaum lernen.

Es wird frisch, wir gehen ins Haus. Jakober öffnet eine Flasche Glarner Wein. «Ein ‹Steirumpler›», sagt er. «Der ist besser, als der Name vermuten lässt.» Sogar richtig gut sei der Wein, das glaube man kaum…