Illustration: Matthias Wyler / Studio Sirup.

Ein Glas Wein mit

Julian Liniger / Gründer und CEO der App Relai.ch

Spricht man über Bitcoin, stellt sich schnell die praktische Frage: Wie kauft man ihn und wie gibt man ihn wieder aus? So simpel die Frage, so kompliziert die Realität – bisher. Es ist kein Geheimnis: Bitcoin zu kaufen war bisher weder von der Bedienfreundlichkeit noch von der Ästhetik her ein Hochgenuss.

Das Schöne an einer freien Marktwirtschaft ist jedoch, dass sie Menschen dafür belohnt, wenn diese Bedürfnisse anderer erfüllen. Julian Liniger, ein 27jähriger Bieler bzw. Berner, bietet mit seiner App Relai.ch den weltweit vermutlich bisher einfachsten Weg, Bitcoins zu kaufen, zu versenden und zu verkaufen. Erstens: App auf dem Smartphone runterladen, zweitens: Wallet erstellen, drittens: kaufen. Fertig. Bei Relai gibt es keine lange Überprüfung der Identität (KYC/AML), keine Videochats oder Unterlagen, die eingereicht werden müssen. Am Ende überweist der Kunde Geld auf das Konto einer Partnerbank und erhält seine Kryptowährung in der App gutgeschrieben. Das war’s schon. Auch Bitcoin-Sparpläne kann man so leicht über die App abwickeln und über regelmässige Einzahlungen zu festen Zeitpunkten die Vorteile des Cost-Average-Effekts nutzen.

Das alles geht, weil Relai so konstruiert ist, dass es unter die Regelungen für Bitcoin-Automaten fällt: Bis 1000 CHF pro Tag oder 100k CHF pro Jahr kann man an diesen ohne Registrierung einkaufen, in ganz Europa. Die Kryptowährungsbörse Bity hat sich diesem Regime ebenfalls unterstellt – und Julian Liniger und sein Team sind quasi die ersten, die eine Fintech-Anwendung als leichteren Einstieg davor gebaut haben, die App für jedermann, den Bitcoin-Geldautomaten für die Hosentasche. Quasi das Tinder für den Bitcoinkauf.

«Vielleicht half bei alldem, dass ich kein Technerd war oder bin, sondern ein ganz normaler Psychologiestudent, dem Freunde mal 2015 von Bitcoin erzählt haben», meint er. Er fand die «Befreiung von Geld aus den Händen der Zentralbanken reizvoll», kaufte ein paar Coins – und vergass sie. Als dann die Preise von Kryptowährungen im Jahr 2017 in die Höhe schnellten, packte er die Gelegenheit beim Schopf und warf seinen Hut in den Ring mit der Vision einer einfachen App. An einem Wettbewerb für junge Techunternehmer, einem ­Hackathon, fand er sein Team, ein Prototyp wurde gebaut – doch dann kam der Crash und ein langer Kryptowinter. Viele Investoren flohen wieder aus dem jungen Techsektor. Julian machte weiter, kämpfte sich durch zahlreiche Pitches und Investorengespräche und fand schliesslich einen Angelinvestor, der an ihn glaubte. Ab April 2020 wurde die App gebaut, am 3. Juli ging sie live, erreichte aus dem Stand quasi ohne Marketing über 1300 Downloads und verkaufte im Juli Bitcoin im Wert von 150 000 CHF an Kunden in der Schweiz und über 20 europäischen Ländern.

Durchhaltevermögen war also bei Julian Liniger mit ein Grund, warum es Relai.ch überhaupt noch gibt. Damit zeigt er, dass es weniger Fügungen oder nur Talente sind, die einen Unternehmer machen, sondern eine gewisse charakterliche Grundhaltung. Die Kryptoszene ist eines der Felder, wo es Tüftler, Quereinsteiger, kreative Köpfe immer noch schaffen können, wenn sie die richtige Idee zur richtigen Zeit haben. Die Schweiz bietet dafür das richtige Umfeld mit einer vorteilhaften Regulierung und zahlreichen Tech-Talenten vor Ort. Mit frischem Geld an Bord will Julian jetzt durchstarten: die App verbessern, mit gutem Marketing aggressiv wachsen und auch Usern die Möglichkeit geben, neue Kunden zu werben und davon zu profitieren (Referrals).

Positiv überrascht hat Relai zuletzt, als es ihnen gelang, Demelza Hays als Beraterin zu gewinnen. Die Amerikanerin (und auch Autorin des «Schweizer Monats») war zuletzt Managerin eines 100-Millionen-Fonds in Liechtenstein, stand auf der Forbes-Liste «30 unter 30» und ist jetzt Leiterin der Forschungsabteilung des führenden Blockchain-Mediums «Cointelegraph». Relai hat vieles und auch die richtigen Leute um sich herum, um von einer kleinen studentischen Idee zu einem Breaker zu…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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