Matthias Schaller, illustriert von Dunvek.

Ein Glas Wein mit

Matthias Schaller, Möbelhaus Schaller, Geuensee.

Dieses Jahr feierte das Familienunternehmen Möbel Schaller sein 120jähriges Bestehen. In den Ausstellungsflächen in Geuensee, Kanton Luzern, treffe ich Matthias Schaller, der das Einrichtungshaus in vierter Generation als Geschäftsführer und Inhaber leitet. An Sitzmöglichkeiten mangelt es nicht: Wir begeben uns zu einem der zahlreichen ausgestellten Tische. Schaller erklärt mir, dass man sich von den Möbelriesen abgrenzen müsse, um sich neben ihnen zu behaupten. Möbel Schaller mache dies, indem man sich auf das obere Preissegment fokussiere, mit persönlicher Beratung, Dienstleistungen und individuellen Anpassungen – man will gewissermassen die Haute Couture im Gegensatz zum Prêt-à-porter der Grosshändler sein. Viele der hier angebotenen Möbel lassen sich bis auf den Zentimeter genau variieren. Die Produkte vom Lieferanten Kettnaker haben beispielsweise austauschbare Flächen, womit sich die Innenarchitektur des Eigenheims auf die Jahreszeit anpassen lässt. Im Ausstellungsraum zeigt mir Schaller ein Sofa organischer Form der Marke De Sede, dessen Lehne sich entlang dem Rücken des Möbels verschieben lässt. Vom Bündner Familienunternehmen Sprenger finden sich handgefertigte Massivholzmöbel. Einer der wichtigsten Partner ist das deutsche Möbelunternehmen Rolf Benz, das sich konsequent aus den Filialen der Grosshändler zurückgezogen hat und auf Fachhändler setzt.

Möbel Schaller war nicht immer nur ein Möbelhaus. Ursprünglich hatte das Unternehmen neben Möbeln verschiedenste Produkte des täglichen Gebrauchs im Angebot: Kleider, Konfitüre oder Seife. Grössere Detailhändler wie die rasant wachsende Migros zwangen das Unternehmen jedoch zur strategischen Neuausrichtung, weshalb man sich ab den 1930ern immer mehr auf Möbel fokussierte.

Damals war Geuensee kein besonders starker Standort, die Kundschaft lebte oft in der umliegenden Gegend. Heute hat die Gemeinde rund 3000 Einwohner. Mit dem Ausbau des Verkehrsnetzes und der Kundenakquise über das Internet vergrösserte sich das Einzugsgebiet dann merklich. «Leute aus Zürich sagen mir, dass ihnen die Distanz nichts ausmache», sagt Schaller. «Ob sie jetzt in die Stadt fahren und dort einen Parkplatz suchen oder hierherkommen, da haben sie am Ende genau gleich lang.»

Wie erlebt er die Schweiz als Standort für Unternehmen? «Wenn ich auf den Rest Europas schaue, bin ich recht froh, dass wir den Schweizer Franken haben, und eine Regierung, die funktioniert», sagt Schaller. Viel Sorgen bereitet ihm jedoch die Frage, ob er auch in Zukunft immer noch gutes Personal finden und gewinnen werde. Auch wenn man versuche, die Arbeitsattraktivität zu steigern, gebe es gewisse Nachteile, die einem Möbelhaus einfach bestehen blieben. «Homeoffice funktioniert nicht bei uns», sagt Schaller. Es gebe auch keinen klaren Ausbildungsweg zum Einrichtungsberater. Man fange vielleicht mit einer Ausbildung im Verkauf oder als Hochbauzeichner an. Dementsprechend kommen auch die 23 Angestellten von Möbel Schaller aus verschiedensten Branchen. Schaller selbst arbeitete ursprünglich bei einer Bank, bevor er das Unternehmen 2011 von seinen Eltern übernahm.

Schaller vermutet, dass er die nächsten zwanzig Jahre weiterhin im Unternehmen arbeiten werde. Die Frage nach der Nachfolge drängt sich also noch nicht auf. Schaller hat Kinder, das Älteste ist 15 Jahre alt. Es hänge natürlich davon ab, ob eines der Kinder überhaupt Inhaber werden wolle: «Ob es eine fünfte Generation geben wird, steht noch in den Sternen.»

Beim Abschied zeigt mir Matthias Schaller noch die seit der ersten Generation sorgfältig geführte Familien- und ­Firmenchronik. Darin finden sich ausgeschnittene Zeitungs­artikel und alte Inserate. Anlässlich der Abstimmung zum Frauenstimm- und -wahlrecht wurde für das Möbelgeschäft mit dem Spruch geworben: «Ein richtiger Mann lässt seine Frau mitbestimmen.» Ausserdem enthält das Buch Lebensmittelrationierungsmarken aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Wer weiss, was die Firmenchronik von Möbel ­Schaller in den nächsten 120 Jahren noch so dokumentieren wird?


Wein: Rutishauser-DiVino, «Signum 4», AOC Thurgau, 2019 (Pinot noir).

«Wo Meinungen vom Mainstream
abweichen dürfen.»
Julia Hänni, Bundesrichterin,
über den «Schweizer Monat»