Samuel Schweizer, illustriert von Dunvek.

Ein Glas Wein mit

Samuel Schweizer, Ernst Schweizer AG, Hedingen.

 

Am Bahnhof Hedingen kehrt nach der Abfahrt des Zuges Stille ein. In unmittelbarer Nähe zu den Gleisen steht der längliche Gebäude­komplex des Metallbauunternehmens Ernst Schweizer AG. Als ich das Firmengelände betrete, fällt mein Blick auf einen prominent platzierten Briefkasten – baugleich demjenigen, der vor meiner eigenen Haustüre steht.

«Unser Briefkasten ist ein Klassiker», sagt Unternehmensleiter Samuel Schweizer, der die Firma in vierter Generation führt. Bereits 1930 fertigte der Familienbetrieb die ersten Briefkästen, damals aus Stahl. 1974 spannte man mit Industriedesigner Andreas Christen zusammen und entwarf das Modell «B74», um den neuen Vorschriften der Schweizerischen Post gerecht zu werden, welche die Mindestmasse von Briefkästen regelten. Das aus Aluminium und Kunststoff gefertigte Designobjekt wurde zum Kassenschlager und machte das Unternehmen zum Marktführer: Heute stammt jeder dritte hiesige Briefkasten aus dem Hause Schweizer, insgesamt über eine Million Exemplare. Abgerundet wird das Angebot mit den in den letzten Jahren entwickelten smarten Paketboxen. Die Produktpalette umfasst auch Fassaden aus Metall und Glas, Fenstersysteme sowie Falt- und Schiebewände, aus ­welchen individuelle Gebäudehüllen entstehen, die zur Energie­effizienz beitragen. Die Produkte, die momentan das stärkste Wachstum verzeichnen, sind aber die Montagesysteme für Photovoltaikanlagen.

Das Hauptgebäude der Firma ist historisch, aber modern renoviert. Es hatte früher als Seidenweberei gedient, ehe es vom Namensgeber der Firma, Ernst Schweizer, samt umliegendem Grund aufgekauft wurde und 1957 den Standort am Hegibachplatz in Zürich als Firmensitz ablöste, wo man seit der Gründung im Jahre 1920 ansässig gewesen war. Der im Kanton Zürich liegenden Gemeinde Hedingen mit ihren rund 3800 Einwohnern blieb man seither treu und ist heute einer der grössten Arbeitgeber im Bezirk Affoltern. Im aargauischen Möhlin sowie im österreichischen Satteins befinden sich zwei weitere Produktionsstandorte.

Im Unternehmen sind 445 Mitarbeiter aus 20 Nationen beschäftigt. Davon sind 35 Lernende, die in 10 Berufen ausgebildet werden. «Unsere wichtigste Quelle für Fachkräfte ist unsere eigene Lehrlingsabteilung», sagt Schweizer. Nachhaltigkeit und Innovation sowohl in bezug auf die Produkte als auch auf deren Herstellung seien Kernanliegen: «Der grösste Teil unserer Produkte leistet einen Beitrag zur Energiewende», erklärt er. Im Rahmen eines Staatsbesuches reiste vor einigen Jahren sogar der französische Staatspräsident François Hollande aus Paris an und besichtigte das Hedinger Werk zusammen mit Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga. Auch um einen Einblick in die Praxis des hiesigen Berufsbildungswesens zu erhalten.

Es war nicht in Stein gemeisselt (oder ins Metall eingraviert), dass Samuel Schweizer die Firma übernehmen würde. Er studierte Rechtswissenschaften, anschliessend arbeitete er als Jurist. «2014 ergab sich infolge einer Vakanz im Verwaltungsrat die Chance, ins Unternehmen einzusteigen. Ich habe schrittweise Aufgaben übernommen und merkte, dass ich operativ tätig werden musste, um nachhaltig etwas zu bewirken.» 2019 wurde er mit 33 Jahren als Nachfolger seines Vaters Vorsitzender der Unternehmensleitung.

Schweizer bekennt sich zum Standort Schweiz und schätzt besonders die Qualität des Berufsbildungssystems und die überwiegend stabilen Rahmenbedingungen. Allerdings würden die Beziehungen mit der EU derzeit leichtsinnig aufs Spiel gesetzt. Zwar würden total 80 Prozent der Waren auf dem heimischen Markt abgesetzt, im Solarbereich hingegen exportiere man 80 Prozent. Problematisch sei die Inkonsequenz bei der Förderung von Solarenergie in den letzten Jahren; das Stop and Go seitens der Politik sei Gift für die Branche. Man blicke aber optimistisch in die Zukunft: «Alle wichtigen Länder in Europa sagen, dass die Energiegewinnung dekarbonisiert werden müsse, und hierbei spielt Solarenergie eine wichtige Rolle.» Einen Wunsch formuliert Samuel Schweizer an das öffentliche Beschaffungswesen: Noch zähle trotz Lippenbekenntnissen und revidiertem Beschaffungsrecht bei öffentlichen Vergaben am Schluss nur der Preis. Dabei sei es wünschenswert, dass bei Aufträgen nicht allein der Preis entscheide, sondern die öffentliche Hand, die eine Vorbildfunktion habe, auch andere Kriterien wie Qualität und Nachhaltigkeit stärker gewichten würde.

«Eine inspirierende und
hochkarätige Lektüre
mit viel Tiefgang.»
Olivier Kessler, Direktor des Liberalen Instituts,
über den «Schweizer Monat»