Ein Glas Wein mit

Patrik Schär, CEO und Co-Gründer Selma Finance

Ein Glas Wein mit
Illustration: Matthias Wyler / Studio Sirup.

In der Mittagspause ging es jeweils mit der Seilbahn nach Hause zum Essen auf den Berg, und dann wieder zurück. Patrik Schär ist auf der Rigi aufgewachsen und besuchte die Sekundarschule unten am See in Weggis. Zum ersten Mal mit Start-ups in Berührung kam er in einem Start-up-Bootcamp. Er lernte dort, dass man in Start-ups sehr viel mehr gemeinsam mit dem Kunden macht, ihm auch länger und genauer zuhört. Als er selbst aktiv werden wollte, gründete er eine Social App für hyperlokale Treffen: «Das machen alle zuerst mal, wenn sie sich neu in einer Grossstadt wiederfinden und noch kein Beziehungsnetz geschmiedet haben», lacht er. Bald darauf gründete er zusammen mit einer Finnin, einem Finnen und einem finnisch-österreichischen Doppelbürger in Helsinki eine Firma für digitale Bankberatung und Vermögensverwaltung, Selma Finance – ein Start-up, bei dem ihm seine Erfahrung als früherer Banklehrling und Vermögensberater zugute kommt. «Wir bieten digitales Private Banking an – und zwar für Leute, die sonst keinen Private Banker haben. Wir sind spezialisiert in der Kommunikation und bewerten die persönliche Situation des Kunden. Das Kennenlernen erfolgt digital.» Inzwischen residiert die Firma im Kanton Schwyz, in Arth.

Wir sitzen in der 1874 gegründeten Bodega Española im Zürcher Niederdorf. Und wenn man denn in guter Gesellschaft ist, können aus einem Glas Wein auch gut mal zwei Flaschen werden. In Finnland seien Behördengänge generell mit viel weniger Papier verbunden, erzählt Schär, der sich wünscht, möglichst alle Prozesse mit dem Staat digital erledigen zu können. Dass man die Mehrwertsteuer in der Schweiz online erfassen könne oder dass man Anpassungen des Handelsregisters in Finnland selbst durchführen könne, sei ein begrüssenswerter Fortschritt: «In Finnland kann man eine Firma online gründen, über die digitale ID – das dauert 30 Minuten und benötigt ein Minimal-Startkapital von 2500 Euro. In der Schweiz dagegen kostet alleine schon die Gründung über 2500 Euro. Man muss persönlich aufs Notariat, und für eine Aktiengesellschaft braucht es bekanntlich ein Kapital von 100 000 Franken. Bis wir alle unsere Unterlagen beisammenhatten, dauerte es über einen Monat. Das alles verursacht unnötige Kosten. Und wir wollen nicht in die Administration investieren, sondern in unser Business.»

Schär hat keine Probleme, Geld vom Staat zu nehmen: «Denn ich sage: ich gebe es sicher besser aus als der Staat.» Seine Firma profitiert zwar bis heute vom staatlichen Förderungsprogramm in Finnland. Die Erfahrungen damit sind aber durchaus zwiespältig: «Wenn ein Investor kommt und 500 000 Euro investieren will und die zusätzliche Staatsfinanzierung nochmals 500 000 Euro beträgt, ist es möglich, dass der Investor eine tiefere Firmenbewertung verlangt. So kommt die Start-up-Hilfe gar nicht beim Start-up an.» In der Schweiz dagegen gebe es bald mehr Organisationen, die sich um Förderung und das Networking von Fintechs kümmern, als Fintechs selbst. «Wenn sich alle nur noch darüber unterhalten, was zu tun wäre, und nur wenige etwas machen, wird es schwierig. Wir brauchen Leute, die vorwärtsmachen und Dinge umsetzen. Wir sind etwa Mitglied bei Swiss Finance Start-ups, das bringt uns was. Reine Diskussionsforen jedoch bringen nichts.»

Als Liberaler – er war früher bei den Jungfreisinnigen in Luzern aktiv – setzt sich Schär auch gegen einen übertriebenen Anlegerschutz ein: «Teurer, standardisierter, schlechter: so kommt es, wenn man es mit dem Anlegerschutz übertreibt. Wir wollen mit Selma genau das Gegenteil erreichen: dass es mit unseren Produkten für den Kunden günstiger, persönlicher, besser wird.» Wie sieht Schär die Zukunft des hiesigen Finanzplatzes? «Alles, was automatisiert und standardisiert werden kann, wird auch automatisiert und standardisiert. Klar ist, dass es keine Zukunft hat, Standardprodukte für teures Geld zu verkaufen. Man kann eine Boutique sein, die massgeschneiderte Produkte anbietet. Man kann aber nicht von der Stange verkaufen für den Preis eines Massschneiders.»