Ein Fest fürs Leben

Der 1929 in Bern geborene Schriftsteller Paul Nizon lebt seit Jahrzehnten in Paris. Dort fand er Freiheit und künstlerischen Ausdruck wieder – beides hatte ihm die Schweiz zuvor verleidet. Wie kaum ein anderer hat er seither die Stadt an der Seine beschrieben, ihr literarische Denkmäler gesetzt. Ein Gespräch über Enge, Weite – und zu viel Weite. Aber auch über inspirierende Kollegen und skurrile Treffen mit dem eifersüchtigen Frisch und dem masslosen Dürrenmatt.

Ein Fest fürs Leben
Paul Nizon, photographiert von Lea Crespi / fotogloria.

Paul, du bist seit 1977 in deiner Wahlheimat Paris, weil es dir in der Schweiz «zu eng» wurde. Du hast hier den Lebens- und Weltstoff gefunden, der für dein weiteres Werk bestimmend ist. Doch bevor wir en detail die Werkstatt deines Schreibens betreten: Weshalb gerade Paris?

Paris war meine erste Erfahrung einer Weltstadt – und zwar im Gymnasiastenalter. Ich kam unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg und dann immer wieder nach Paris zu Besuch, weil ich da eine Tante hatte. Paris war von Anfang an ein Lebenstraum, aber noch nicht der eines Schriftstellers. Es waren die «französischen Zustände», die Lebensart, die Lebenskunst, der erotisch erleuchtete Alltag, das irdische Glücksstreben, das andere Wertdenken, was mich berückte und ansteckte, eine Mentalität, die radikal verschieden war von dem helvetischen, beinharten Materialismus und der dazugehörigen Nüchternheit. Und nicht zu vergessen: Paris war damals die Kulturhauptstadt der Welt, die Stadt der künstlerischen Revolution in Permanenz, die Stadt des künstlerischen Fortschritts überhaupt, insbesondere auf dem Gebiet der bildenden Kunst, die mir, neben Literatur und Film, am meisten vertraut ist, ich bin ja von Haus aus Kunsthistoriker und habe lange als Kunstkritiker gearbeitet.

Paris war für dich, wie du schreibst, eine «Entbindungsanstalt», du hast hier zu einer «poetischen Existenz» gefunden. Kannst du das ausführen?

Ja, hier hatte ich meine poetische Existenz gefunden. Poetische Existenz besagt in meinem Falle nicht nur die radikale Ausrichtung auf nichts anderes als die künstlerische Schreibtätigkeit mit allen Risiken der Vogelfreiheit, es gehört der Umstand dazu, dass diese Existenzform in einem anderen Sprach- und Kulturraum und insofern gewissermassen im Weltmassstab stattfand. Paris als Wunschtraum war seit langem in mir angelegt bis programmiert, der Wegzug aber war problematisch, weil ich Familie hatte und Verpflichtungen. Es bedurfte einer ausgewachsenen Lebens- und Schreibkrise, zu welcher die Scheidung und eine künstlerische Verstopfung, als wäre der schöpferische Ofen ausgegangen, gehörten – nebst einer «Liebesvergiftung». In Wahrheit war mir wohl in der Schweiz der Stoff ausgegangen.

Was war anders in Paris?

Ich trat dort ein einsames, einzelgängerisches Dichterleben an ohne Rückhalt bei Verwandten oder geneigten Freunden. Rückblickend wird mir bewusst, wie sehr trotz meiner Kritik an der Schweiz die bündnismässige Verankerung im Freundeskreis gezählt und mich getragen hat. Mit dem Wegzug hatte ich einen Grossteil der mentalen Sicherheiten aufgegeben. Der letzte Roman, «Stolz», den ich in der Schweiz geschrieben habe, handelt von einem Lebensverneiner, der mit fünfundzwanzig stirbt oder besser: sich sterben lässt. Der Roman war ein grosser Erfolg, ein weiterer Grund abzuhauen: Ich gierte nach künstlerischer Erneuerung, nicht nach Stabilität oder Etablierung! In Paris war ich lange niemand. Ich war gespannt darauf, was die Stadt aus mir machen würde. Sie hatte so viele Ankömmlinge entbunden und zum Höchsten angespornt. Anspruch und Ansporn waren unerhört, wie mir vorkam. Alles in allem ein schöner Packen von Wagnis.

In «Parisiana» schreibst du: «Eine Stadt wie Paris ist nie auszudenken, geschweige denn auszuloten, weil übermächtig. Mir hat sie zu der mir bestimmten Gattung, dem Stadtnomadentum mit Ingredienzien des Künstlerromans und der Chronik des Ichs, verholfen.» Und in die «Innenseite des Mantels» notiertest du schon 1980: «Paris hätte mich dahin befreit, dass ich von Themen und Romanformen absehen und mich dem Strom überlassen müsste, einem Durcheinander, dieser mir gemässesten Form, die mich täglich selber hervorbringt, und in welcher ich mich finde, der Strom der Erinnerung.» Mit Paris steht also die Frage nach der Erzählbarkeit der Welt an. Zwang sie dich zu neuen literarischen Formen?

Die Nichterzählbarkeit der Welt war ein Axiom meiner Literaturauffassung seit immer schon, seit «Canto», seit «Im Hause enden die Geschichten». Darum das Experimentelle und Novatorische meiner Prosa. In Paris kam ich ohne Projekt an, das war eine Schwierigkeit. Ich…