Ein einsamer Rufer in der Wüste

Hugo Balls polemische «Kritik der deutschen Intelligenz»

«Der Protestantismus ist eine Irrlehre! Wir glauben an eine heilige christliche Revolution und an die unio mystica der befreiten Welt!» Mit solchen ketzerischen Sätzen hat Hugo Ball, der eigensinnigste Intellektuelle des expressionistischen Jahrzehnts, seine Zeitgenossen regelmässig in Verwirrung gestürzt. Als ewiger Renegat widerrief der 1886 im pfälzischen Pirmasens geborene Freigeist immer dann seine vermeintlichen Überzeugungen, wenn sie zur staatskonformen Doktrin zu gerinnen drohten. Die aufregenden Denkbewegungen, die Ball nach seinen Dada-Aktivitäten im Frühjahr 1916 vollführte, sind bis heute kaum wahrgenommen, geschweige denn verstanden worden. Die schrillste Kritik des deutschen Zeitgeistes veröffentlichte er im Januar 1919 im «Freien Verlag» in Bern, einem publizistischen Hort des Pazifismus. In einer Reihe von Artikeln für die «Freie Zeitung» hatte Ball zuvor schon alle Tabus des deutschen Wilhelminismus verletzt, indem er Partei für die Westmächte ergriff und die Schuld am Ersten Weltkrieg eindeutig dem deutschen Militarismus zuschrieb. Der polemische Essay «Zur Kritik der deutschen Intelligenz», den er wenige Tage nach der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs vorlegte, ist die schärfste Abrechnung mit dem Nationalbewusstsein der deutschen Eliten, die je geschrieben wurde.

Die nach ihrem Erscheinen kaum rezipierte Schrift ist erst 1970 neu aufgelegt und ein Jahrzehnt später in die Bibliothek Suhrkamp aufgenommen worden, freilich unter Streichung einiger brisanter Passagen, in denen Ball zu einer grimmigen Kritik des Judentums ausholt. So darf man es als eine längst überfällige Aufhebung einer wohlmeinenden Zensur bezeichnen, wenn nun der aktuelle Band der Hugo Ball-Werkausgabe (Wallstein Verlag) die unverfälschte und vollständige Version der «Kritik» präsentiert. Hans-Dieter Zimmermann, dem Herausgeber, ist sehr daran gelegen, Hugo Ball vom Antisemitismus-Verdacht freizusprechen. Tatsächlich hat Ball seine radikale Kritik an einer «protestantisch-jüdischen Konspiration» später wieder revidiert – in der 1924 veröffentlichten Studie «Die Folgen der Reformation», einer Neufassung seiner «Kritik», in der er die grellsten Formulierungen tilgte und durch moderatere Ausführungen ersetzte.

Angetrieben von pazifistischem Zorn, beschreibt Ball in seiner «Kritik» die deutsche Mentalität als eine furchtbare Melange aus Waffengeklirr, Vernichtungswahn und protestantischem Eiferertum. Zur Galionsfigur des deutschen Verhängnisses erhebt er den Reformator Martin Luther. Von Luther, dem «unmöglichen Mönch» und «Alleszermalmer», zieht Ball eine unheilvolle Traditionslinie zur preussischen Machtstaats-Idee Bismarcks und ihren Vollstreckern. Sein antiprotestantisches Ressentiment würzt der «einsame Rufer in der Wüste» (H.D. Zimmermann) mit Bekenntnissen zu den grossen Aussenseitern der Mystik und des Anarchismus, wie etwa zu Luthers Widerpart, dem Revolutionär Thomas Müntzer, oder zum romantischen Mystiker Franz von Baader. Während er die Juden Marx und Lassalle als Parteisoldaten der organisierten Sozialdemokratie verachtet, fasziniert ihn der christliche Sozialist Wilhelm Weitling und der Anarchist Michael Bakunin.

Balls polemischer Scharfsinn hat aber auch üble Aussetzer. Das gilt vor allem für die bislang unterdrückten Passagen seiner «Kritik», in denen er gegen ein «Europa unter jüdischer Direktive» vom Leder zieht. Hans-Dieter Zimmermann verteidigt in seinem ansonsten glänzenden Nachwort den Autor der «Kritik» mit dem seltsamen Hinweis, Ball habe seine Vorurteile aus einer Schrift des jüdischen Philosophen Hermann Cohen («Deutschtum und Judentum») übernommen. Aber selbst die Nachsicht gegenüber offensichtlichen Wissensdefiziten Balls kann jene Passagen kaum entschuldigen, in denen er auf die biologistische Kategorie der «Rasse» zurückgreift: «Aber es muss doch zugestanden werden, dass die exploitatorische und merkantile Tradition den jüdischen Geist tiefer besessen hält als ihm selbst zu Bewusstsein kommt und nicht zu unterschätzen ist die generelle Methodik der jüdischen Rasse, in der nicht die Leistung des Einzelnen entscheidet, sondern das Resultat, zu dem seine konspiratorische Arbeit oft erst nach Generationen führt.» Hier hantiert Ball, der sich in der «Kritik» ansonsten entschieden vom Antisemitismus abgrenzt, mit den bekannten Versatzstücken des antijüdischen Ressentiments. Hugo Ball hat diese giftigen Spekulationen noch rechtzeitig in ihrer Fragwürdigkeit erkannt – und zurückgenommen. In der nie…

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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