Ein einig Volk von Couchpotatoes
Jobst Wagner, zvg.

Ein einig Volk von Couchpotatoes

Die Schweizer neigen zum Rückzug ins Eigenheim. Der staatlich verordnete Lockdown hat diese Tendenz noch verstärkt.

Jobst  Wagner kommentiert «Die kuschelige Gründlichkeit» von Markus Freitag.

 


 

Als Unternehmer und Bürger durfte ich erfahren, welche Eigenschaften für den Wohlstand der Schweiz massgeblich sind: Mut, Risikobereitschaft und Pioniergeist sind unser Erfolgsrezept. Verkörpert wurden diese Ideale von Pionieren wie beispielsweise einem Escher, Sulzer, Dunant, Piccard oder Herzog und de Meuron, die durch ihren Innovationshunger die Prosperität unseres Landes nachhaltig befeuerten. Die Schweiz hat sich in den letzten 150 Jahren von einem armen Bauernstaat zu einem der reichsten Länder der Welt entwickelt und sich so ein hervorragendes Renommee auf internationaler Ebene aufgebaut. Unser Miliz- und Bildungssystem garantiert eine soziale Durchmischung, die Vermögensunterschiede bleiben bis heute recht ausgewogen. Und falls die Politik vom Königsweg abzukommen droht, durfte man hierzulande in der Vergangenheit mit dem korrigierenden Engagement einer lebhaften Zivilgesellschaft rechnen. Alles in Ordnung also?

Nicht ganz, denn das Land ist satt und zögerlich geworden. Der 2018 von Markus Freitag erschienene Beitrag «Die kuschelige Gründlichkeit» im vom StrategieDialog21 gesponserten Dossier «Wie mutig ist die Schweiz?» beschreibt den Zustand plastisch und treffend: die Schweiz als Land der Netten und Gemütlichen. Man hat es sich hier wohlig eingerichtet, zelebriert den vermeintlichen Sonderstatus und pflegt die Nestkultur. Mut und Risikofreude sind zu Randerscheinungen verkommen, auf Veränderungen reagiert man ängstlich. Das Milizsystem gerät zunehmend unter Druck: Politisches Engagement gibt es zwar weiterhin, doch die Parteien verhalten sich direktdemokratisch sehr korrekt und «konkordant» – man könnte beinahe schon von einem Einheitsbrei sprechen. Lediglich die SVP positioniert sich als eine Art Hofnarr und Sammelbecken für Widerständler in Opposition zum Mainstream. Demonstrationen finden zwar weiterhin statt – erscheinen aber zunehmend als Online-Phänomene netzgesteuerter Chaoten oder Anhänger populistischer Bewegungen vom kuscheligen Wohnzimmer aus. Die Ausnahme der Klimabewegung mag die Regel bestätigen.

Zwischenzeitlich hat das Coronavirus die Ängste in der Gesellschaft nochmals massiv verstärkt und Markus Freitags These weiter erhärtet: Der Rückzug ins wohlige Eigenheim wurde mit dem Lockdown nicht nur behördlich verfügt und mit erstaunlichem Gehorsam befolgt, sondern mit der Parole «Stay at Home» auch gesellschaftlich sanktioniert. Wie das Hickhack zwischen Coronaleugnern und Viruswarnern beweist, scheint eine Spaltung der Gesellschaft unvermeidlich zu sein. Staatspolitisch zeichnet sich eine Bewegung ins Nationalstaatliche ab: Das globale Denken hat für viele ausgedient – nur, wenn es ums Reisen geht, will man natürlich keinesfalls auf die Karibikferien verzichten. Jeder für sich und nur noch wenige fürs Ganze. Pars pro toto als weit entferntes Credo. Die Solidaritätswelle vom Frühling 2020 ist verflogen – es dominieren mittlerweile Ängste, Hass und Zwietracht.

Und dennoch: Die kuschelige Gründlichkeit hat vielleicht auch ihre Vorteile. Rückblickend verfolgt die Schweiz im Vergleich zu vielen anderen Staaten eine pragmatischere und weniger restrik­tive Coronapolitik; der aufgeräumte, saubere, gewissenhafte, gründliche Schweizer macht es möglich. Weil sich Staat und Bürger gegenseitig deutlich mehr vertrauen als anderswo, konnte die Schweiz bei der Pandemie­bekämpfung weitgehend auf Eigenverantwortung statt auf staatliche Bevormundung setzen. In diesem Sinne bewies die Schweiz mehr Mut als andere Länder. Das Vertrauen in der Beziehung zwischen Bürger und Staat scheint mir noch intakt zu sein.

Im Feuilleton der NZZ vom 20. Februar 2021 veröffentlicht Freitag seinen neuesten Beitrag: «Wenn die Seuche zu Ende ist, feiern die Sünden ein Fest.» Ob die Schweiz wegen Corona tatsächlich vom Vorbild zum Sünder wird? Kaum vorstellbar. Aber was hat das Virus nicht schon alles in Bewegung gesetzt …

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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